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so daß man mit einer fortwährenden Steigerung der Nachfrage
nach Kapitaldisposition, nach Warten rechnen muß!), was,
wenn man Konstanz der Bevölkerung annimmt, doch bedeutet,
daß ein Mehr an Kapital auf den Kopf der Bevölkerung einem
Mehr an Warten, also einer Verlängerung der durchschnitt-
lichen Produktionsperiode der Volkswirtschaft entspricht. Das
führt uns zugleich zu Cassels zweitem Einwand.
Nach Casse] wird der Dienst des Wartens bzw. die Kapital-
disposition durch das Produkt einer Wertsumme und einer
Zeit gemessen. Es ist dasselbe, ob ich eine Summe von 1000 M.
auf einen Monat oder 500 M. auf zwei Monate ausleihe?). „Wenn
die sozialistische Gesellschaft eine Kapitalvermeh-
rung oder eine „Verlängerung der Produktionszeit“
oder beides auf einmal unternimmt, so stellt sich
infolge der Tatsache, daß die Produktion Zeit er-
fordert, mit Notwendigkeit ein Defizit ein, das darin
besteht, daß die Gesellschaft Arbeiter beschäftigt,
die sie nicht imstande ist, mit verfügbaren Nützlich-
keiten zu entlohnen. Hier können wir beobachten, wie
Kapitalvermehrung und Verlängerung der Produktionszeit für
das Entstehen des Defizits eine symmetrische Bedeutung haben
und nebeneinander zu stellen sind. Böhm-Bawerk hat diese
natürliche Symmetrie gestört, indem er das Zeitmoment mit
dem Begriff „Produktionsperiode‘“ zum alleinigen Grund seiner
Untersuchungen macht‘“?).
Cassel trifft mit diesen Ausführungen, was dieser ebenfalls
Selbst festgestellt hat‘), Böhm-Bawerk nicht. Cassel denkt
hier an eine absolute Kapitalvermehrung, während Böhm-
Bawerk immer die Vermehrung des Kapitals pro Kopf der
Bevölkerung im Auge hat, wenn er behauptet, daß das Produ-
zieren auf längeren Produktionsumwegen mit dem Produzieren
mit mehr Kapital! pro Kopf der Bevölkerung identisch sei.
Cassel formuliert diese Erkenntnis selbst, wenn er_schreibt,
daß sich ein Zuschuß von Kapitaldisposition nicht in das
1) Cassel, Nature, S, 128. Cassel, Theorie, S. 211. *) ebda., S. 186/87,
3) Cassel, Arbeitsertrag, S. 103/04 (die Unterstreichungen stammen
von Cassel).
‘) Böhm-Bawerk, Exkurse, S. 120 Anm. 1.