Full text: John Pierpont Morgan, der Weltbankier

sein Charakter manche Züge aufwies, die bei Mathe- 
matikern bekannt sind. Die Mathematiker sind sehr 
gründlich, sie schreiten auf einer festgefügten Grund- 
lage von Anschauungen durch das Leben, sie lieben 
präzise Feststellungen, hassen alles Unbestimmte und 
Vage, sind ungesellig und meinen, daß ihr Spezial- 
gebiet die ganze Weisheit der Welt umschließt. Und 
Morgan war mindestens ein halber Mathematiker, So 
kam es, daß die unmathematische Seite seiner Natur, 
sein festgefügter Glaube, seine Angriffslust, seine Un- 
ergründlichkeit, sein energisches Handeln sich nur 
auf Dinge bezog, die man mit der Hand greifen, mit 
dem Auge sehen kann: eine schöne Vase, eine gut an- 
gelegte Eisenbahn, einen geschäftlichen Zusammen- 
schluß, der sicheren Gewinn bringen wird, ein Kran- 
kenhaus mit wirklichen Kranken und wirklichen Ärz- 
ten. Politische und soziale Bestrebungen, deren Nutzen 
zweifelhaft ist und bei denen die Ehrlichkeit und 
Fähigkeit derer, die sie ins Werk setzen, erst bewie- 
sen werden muß, lehnte er ab. Als er einmal mit 
Kaiser Wilhelm IL dinierte, schnitt dieser im Gespräch 
die Frage des Sozialismus an und soll sehr erstaunt 
darüber gewesen sein, daß sich Morgan für eine poli- 
tische Erscheinung von solcher Tragweite überhaupt 
nicht interessierte. 
a 
Morgan war nicht stets schweigsam, Gelegentlich 
sprach er sogar sehr viel, manchmal über seine Samm- 
lungen von Büchern und Gemälden, wenn er mit je- 
mandem zusammenkam, dessen Interesse an der Sache 
es gelang, ihn aus seiner Reserve herauszubringen, 
manchmal auch über Ereignisse aus seinem Leben, Das 
letztere geschah allerdings sehr selten, selbst im Kreise 
seiner Familie. Eines Abends dinierte er mit seiner 
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