sein Charakter manche Züge aufwies, die bei Mathe-
matikern bekannt sind. Die Mathematiker sind sehr
gründlich, sie schreiten auf einer festgefügten Grund-
lage von Anschauungen durch das Leben, sie lieben
präzise Feststellungen, hassen alles Unbestimmte und
Vage, sind ungesellig und meinen, daß ihr Spezial-
gebiet die ganze Weisheit der Welt umschließt. Und
Morgan war mindestens ein halber Mathematiker, So
kam es, daß die unmathematische Seite seiner Natur,
sein festgefügter Glaube, seine Angriffslust, seine Un-
ergründlichkeit, sein energisches Handeln sich nur
auf Dinge bezog, die man mit der Hand greifen, mit
dem Auge sehen kann: eine schöne Vase, eine gut an-
gelegte Eisenbahn, einen geschäftlichen Zusammen-
schluß, der sicheren Gewinn bringen wird, ein Kran-
kenhaus mit wirklichen Kranken und wirklichen Ärz-
ten. Politische und soziale Bestrebungen, deren Nutzen
zweifelhaft ist und bei denen die Ehrlichkeit und
Fähigkeit derer, die sie ins Werk setzen, erst bewie-
sen werden muß, lehnte er ab. Als er einmal mit
Kaiser Wilhelm IL dinierte, schnitt dieser im Gespräch
die Frage des Sozialismus an und soll sehr erstaunt
darüber gewesen sein, daß sich Morgan für eine poli-
tische Erscheinung von solcher Tragweite überhaupt
nicht interessierte.
a
Morgan war nicht stets schweigsam, Gelegentlich
sprach er sogar sehr viel, manchmal über seine Samm-
lungen von Büchern und Gemälden, wenn er mit je-
mandem zusammenkam, dessen Interesse an der Sache
es gelang, ihn aus seiner Reserve herauszubringen,
manchmal auch über Ereignisse aus seinem Leben, Das
letztere geschah allerdings sehr selten, selbst im Kreise
seiner Familie. Eines Abends dinierte er mit seiner
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