3. Der „große Börsenkrach" im Jahre 1873.
117
Papiere um jeden Preis zu entledigen. Von allen Seiten stürmte es nun heran.
Alles wollte losschlagen, alles kündigte, alles drang endlich auf Übernahme der ver
pfändeten Stücke. Angstklopfenden Herzens wartete man das Resultat des 7. Mai ab.
Dieser entsprach den Voraussetzungen. Das Sterbeglöcklein hörte nicht mehr auf zu
läuten. Banken, Häuser, Faiseurs, Agenten, Millionäre, Galopins, Würdenträger
und Schleppträger, alles war unvermögend, die Papiere zu übernehmen. Das Aus
kunftsmittel, eine Galgenfrist durch falsche Hände zu gewinnen, war auch nicht mehr
lohnend: wozu sollte man die Maske noch länger tragen? Die Jnsolvenzerklärung
der Börsen- und Kredit- und der Bankerott der Kommissionsbank*) machten
Sensation, viel mehr als begründet; denn wer Augen hatte, muhte den Sturz vor
ausgesehen haben. Aber für das Publikum, für die öffentliche Meinung, für den
„Nimbus" war es der Todesstoß. Eine „Bank" bankerott! Und gar zwei auf ein
mal. Die Verwirrung stieg von Stunde zu Stunde, und mit ihr die Ratlosigkeit
der Börsenkammer. Zur Krönung des Werkes beschloß diese der Börse vorgesetzte
Behörde, daß die Zahlung der Differenzen verschoben, daß ein Moratorium zu
gestanden werde!
Man antwortete zwar auf die betreffende Gegenvorstellung, daß die Kassiere
erklärt hätten, die Verwirrung sei so groß, daß sie nicht fungieren könnten. Das
hätte die Kammer nicht ernst nehmen dürfen. „Wer nicht zahlt, ist insolvent", mußte
es heißen: und man hätte hundert Insolvente weniger gehabt, die Wiener Börse
aber in ihrer Ehre und Position unerschüttert erhalten.
Am 10. Mai proklamierte die Börsenkammer den offiziellen Börsenbankerott,
d. h. die Sistierung der Differenz- und Zinsenzahlung, die Suspendierung des Ge
schäftes. So alle Tore dem Vertragsbrüche und der Demoralisation auftun, wie mit
dieser Lizenz es geschehen, so die ohnehin gelockerte Disziplin des Hauses total unter
graben, das hatte niemand erwartet und hat niemand gebilligt als etwa die dadurch
Zu dem Vorteile des Zeitgewinnes Gelangenden. Und wozu benutzten sie diesen
Zeitgewinn? Darüber nachzudenken, ob sie in Masse desertieren sollten oder aus
halten und bei der Fahne bleiben. Die Wahl fiel manchem schwer; aber die großen
Beispiele, die Masseninsolvenzerklärung von Häusern, die man im Besitze reichlicher
Mittel wußte oder glaubte, die Auflösung aller Ordnung, die Trostlosigkeit der Lage riß
auch nicht wenige mit fort, welche ohne jedes Moratorium gewiß standgehalten hätten.
Und doch herrschte in vielen Kreisen noch immer eine (zumeist freilich erheuchelte)
Nutze und Zuversicht. Mit Vertuschen und Verschieben meinte man noch in der
Woche vom 10.—17. Mai die Katastrophe, wenn auch nicht aufhalten, so doch zu
einem sanften Verlaufe führen zu können; wenigstens meinten es die zwischen Leben
und Tod ringenden Banken. Die vorsichtigeren und der Gefahr mehr entrückten
Institute aber sahen die Hoffnungslosigkeit unverschleiert. So schleppte man sich noch
^in paar Tage hin, immer näher der Erkenntnis, daß die Dinge einem unabseh
baren Verfalle zutrieben, und doch sich an jedem Hoffnungsstrahl sonnend, von dem
u>an gleichwohl wußte, daß er einem künstlichen Gasapparate entströme. Am
17- Mai ward sogar von den „Sommitäten" der Finanzwelt die Parole ausgegeben,
bie Krise sei auf ihrem Höhepunkte angelangt und alles kehre zu günstigerer Wen
dung zurück. Niemand geringerer als das Haus Rothschild selbst war es, das diese
Meinung verbreitete und (wir sind der Überzeugung) sie auch teilte. Wie wenig
Berechtigung diese Anschauung hatte, sollte bald deutlich werden.
Doch schien mit Anfang Juni der stärkste Sturm bereits dahin gebraust zu sein.
-0" stürzte plötzlich die Wiener Wechslerbank, eine der kühnsten Börsenspielbanken,
unter dem Druck des Andranges ihrer Kassenschein- (Depositen-) Gläubiger, zu-
*) Ihre Aktien waren am 17. Februar bei 40"/« Einzahlung 140 notiert gewesen!