Full text: Gesellschaftslehre

Die Bewertung des Mitmenschen. 
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Sie spricht von Gatten- und Elternliebe, von Liebe zur Heimat oder zum 
eigenen Volk, von Liebe zum Beruf oder zu Gott. Sie zieht den Bereich 
der Liebe also ebenso weit, wie es schon Plato getan hat, indem er neben 
der persönlichen die über- und unpersönlichen Formen unterschied. Die 
weite Ausdehnung entspricht in der Tat der eben gegebenen Wesens- 
bestimmung. Gerade die Fähigkeit, den Wert des geliebten Gegenstan- 
des aufleuchten zu lassen, finden wir in ihren über- und unpersönlichen 
Formen mindestens ebenso stark ausgeprägt wie in ihren persönlichen. 
Man denke z. B. an die schwärmerische Verehrung der eigenen Nation, 
die zu einem förmlichen Kultus werden kann. Die Unterscheidung ver- 
schiedener Formen der Liebe nach ihren Gegenständen bedeutet 
aher auch eine Unterscheidung verschiedener Arten nach inneren Be- 
ziehungen. Denn tatsächlich sind die von der Sprache unterschiedenen 
Arten der Liebe auch innerlich als Erlebnisse verschieden. nämlich mit 
verschiedenen Qualitäten ausgestattet. 
Das Auftreten der Liebe steht in enger Beziehung zum Bestehen der 
Gemeinschaft... In der Tat ist die Gemeinschaft ihr natürlicher Ort. 
Sie tritt durchweg auf im Zusammenhang der Gemeinschaft oder wenig- 
stens einer Bereitwilligkeit und Geneigtheit zu einer solchen. Denn wo 
sie sich auf Fremde richtet, enthält sie zugleich eine Tendenz zur inneren 
Annäherung an diese in sich. Mit wesenhafter Notwendigkeit verbindet 
sie sich insbesondere mit der Haltung der Unterordnung. Die mit dieser 
verbundene Verehrung enthält zugleich (als Nachahmung von innen 
heraus) das Verlangen, die verehrte Person sich innerlich gänzlich an- 
zueignen und mit ihr eins zu werden, und zwar so, daß man sich ihren 
Wertgehalt nach Möglichkeit zu eigen macht. Mit dem letzteren Tat- 
bestand ist aber auch schon derjenige der Liebesgesinnung gegeben. Diese 
kann sich dabei wie die Unterordnung selbst sowohl überlegenen mensch- 
lichen Personen wie der als überlegen empfundenen Gruppe zu- 
wenden. Man liebt den Führer, sei es ein Held oder ein Heiliger 
oder wohin sonst das herrschende Lebensideal weist. In erster Linie 
ist dabei an den eigenen Führer gedacht, mit dem maän im Verhältnis der 
Gemeinschaft steht; aber auch andern Führern gegenüber, wofern man 
ihren Wertgehalt zu erfassen fähig und bereit ist, ist der Sachverhalt 
ähnlich, nur in abgeschwächter Weise. Man liebt ebenso die eigene 
Gruppe, die Familie oder Sippe, das Korps oder die Nation, indem 
man zu ihnen als vollkommenen Gebilden emporblickt. Der Wertgehalt 
der Gruppe kann an einzelnen Personen von vorbildlichem oder Führer- 
charakter als ihren Repräsentanten, er kann auch in einer mehr abstrak- 
ten Form erfaßt werden. Nicht gemeint mit dem Gesagten ist natürlich, 
daß jedes Gruppenmitglie dd als Person geliebt wird. Das gilt wohl 
in besonderen Fällen wie der Familie. aber nicht allgemein. weil nament-
	        
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