Die Bewertung des Mitmenschen.
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die Erkenntnis ihres Gegenstandes. Das Wesen des preußischen Geistes
oder der Jugendbewegung wird derjenige am besten erkennen, der ihnen
innerlich so nahe steht, daß er sie lieben kann und liebt.
Wenn die Liebe dem Fremden häufig blind erscheint, so kann das
seine Ursache an seinem eigenen Mangel an Liebe und der damit ver-
bundenen ungenügenden Vertrautheit mit dem Gegenstande haben. Wirk-
liche Blindheit ist nur da vorhanden, wo entweder die Liebe nicht voll
entwickelt ist und sie diesen Mangel vor sich verbergen will durch eine
Art Überkompensation, als ein krankhaftes Vergöttern, das keinen
Flecken dulden will; oder wo die Liebe durch andere Affekte getrübt ist.
Ein solcher kann bei der Geschlechtsliebe die sinnliche Leidenschaft sein,
die verengend wirkt und in jeder Trübung ihres Bildes schon eine Be-
drohung erblickt. Besonders häufig aber ist der Träger der Liebe,
indem er mit deren Gegenstand in Gemeinschaft lebt, zugleich dessen An-
walt: er befindet sich häufig in der Abwehr gegen andere Anschauungen,
die er als herabsegend empfindet, in der Leidenschaft des Kampfes, und
ist mit seinem Selbstgefühl und seiner Ehre beteiligt. Er glaubt sein
Ideal gegen jeden Vorwurf eines Mangels verteidigen und es unbedingt
über alle andern Gegenstände erheben zu müssen. Diese getrübten
Fälle müssen von den reinen durchaus unterschieden werden. So
gibt es eine gesunde Art die eigene Nation zu lieben, die auch deren Ein-
seitigkeiten und Schwächen ins Gesicht zu blicken vermag. Und diese
hebt sich deutlich ab von einer andern Art, die sie blindlings vergöttert
und in herausfordernder Weise über alle andern hinaushebt, bei der das
Mitsprechen anderer Leidenschaften deutlich erkennbar ist.
4. Von der Liebe wenden wir uns jegt zum H a ß. Sein Wesen besteht
in einer Tendenz zur Wertvernichtung seines Gegenstandes. Auch hier
entspringt die Auffassung, die dem Gegenstande jeglichen Wert abspricht,
nicht aus willkürlicher Phantasietätigkeit, sondern aus Beobachtungen
und Eindrücken, die in bestimmter Weise von vornherein gestaltet sind
und weiter verarbeitet werden. Das empirische Bild der Schwäche wird
zu einer idealen Vollkommenheit der Verwerflichkeit gesteigert. Auch
der Haß kann bekanntlich einen diabolischen Scharfblick besigen,
besonders wo es gilt Schwächen aufzuspüren und Vorzüge in verkappte
Mängel umzudeuten. Im ganzen aber, so scheint es zunächst, vermag der
Haß seinem Gegenstande nicht das gleiche tiefe Verständnis abzugewin-
nen wie die Liebe. Tatsächlich ist jedoch auch hier zwischen reinen
und getrübten Fällen zu unterscheiden. Der Haß tritt in ideal-
typischer Reinheit da auf, wo man einen Menschen haßt lediglich als
Träger einer verderblichen oder unheimlichen Kraft, etwa als persönlichen
Verführer oder als Renräsentanten eines unheilvollen politischen. päda-