Full text: Gesellschaftslehre

Die Tatsachen der. Sympathie. 
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nur für den ursprünglichen Zustand, an den sich beim Menschen bald 
weitere Entwicklungen vermöge des Mechanismus der assoziativen Über- 
tragung knüpfen. Auch anschauliche Schilderungen haben, freilich in 
einem verminderten Grade, die Tendenz, die gleichen Gefühle zu wecken. 
Ein kleines Kind kann traurige Geschichten nicht hören, ohne selbst zu 
weinen; und auch bei manchen Erwachsenen ruft die drastische Schilde- 
rung schwerer körperlicher Schädigungen ähnliche Wirkungen hervor wie 
deren unmittelbarer Anblick. Durch assoziative Vermittlung löst auch 
das Trauergepränge beim Begräbnis die bekannten Gefühlszutände der 
Rührung aus, die auch den innerlich Nichtbeteiligten in der Regel er- 
fassen. Im legten Fall haben wir aber wieder eine anschauliche Grund- 
ijage, während die bloße Beschreibung mit ihren Wirkungen überwiegend 
auf die Vorstellungsseite des Bewußtseins beschränkt bleibt. — Die Über- 
tragung vollzieht sich ferner in voller Stärke nur vom Menschen zum 
Menschen. Tiere wirken ähnlich auslösend nur, soweit sie dem Menschen 
in der Ausdruckstätigkeit ähnlich sind: während die Schmerzen stummer 
und fremdartig organisierter Kreaturen nur einen schwachen oder keinen 
sinnlichen Widerhall finden, weil der Mechanismus der Übertragung hier 
keinen angemessenen Reiz empfängt. 
Allerdings gibt es neben dem unmittelbaren Erfassen des inneren Zustandes 
auch eine Nachahmung der bloßen Ausdruckstätigkeit oder ande- 
ren Bewegungen als bloßer äußerer Vorgänge. Relativ häufig ist sie beim 
kleinen Kinde, bei dem zunächst das Verständnis für den kundgegebenen inneren 
Zustand noch fehlt: „Es ist nur physische Nachahmung, wenn das kleine Kind zu 
schreien anfängt, sobald es andere Kinder schreien hört. ... Es ist nur [physische] 
Nachahmung, wenn das Kind, das mich in die Hände klatschen sieht, seinerseits in 
die Hände klatscht.“ (William Stern, Psychologie der frühen Kindheit, S. 299.) Auch 
bei Erwachsenen kommt diese Form der Ausbreitung von Gefühlszuständen vor, 
aber freilich nicht als typische Form: „Auch wir Erwachsenen wissen oft genug 
nicht, ob die auch uns fortreißende Wucht des Beifalls im Theater mehr darauf 
beruht, daß die Bewegung des Klatschens unsere Nachahmung anreizt, oder dar- 
auf, daß die darin sich äußernde Begeisterung der Zuschauer suggestiv die 
unsrige entzündet.‘“ (Stern, S. 299.) In diesem Fall wird die Begeisterung wohl 
verstanden, aber aus Mangel an hinreichender innerer Übereinstimmung nicht 
genügend geteilt. Wo aber hinreichende Übereinstimmung vorhanden ist, kommt 
dieser Fall natürlich nicht in Frage. Das bedeutet: in der hinreichend entfalteten 
Gemeinschaft tritt dieser Typus durchaus zurück. 
2. Daß der Vorgang auf angeborenen Anlagen beruht, 
darauf weist zunächst seine Lebhaftigkeit im frühen Kindesalter hin. Vor 
allem kann an seiner Instinktnatur bei der Tierwelt kein Zweifel sein. 
Der Affekt, in den ein einzelner Affe oder Papagei versegt wird, findet 
sofort einen lebhaften Widerhall in der ganzen Gruppe. Aber auch 
Handlungen wie das Flüchten oder Verfolgen oder Helfen breiten sich 
in derselben Weise in der Gruppe aus. Die Ühertragung des Affekts
	        
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