Die Tatsachen der Sympathie.
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Grunde den kleinen Mann mit Geringschägung und Feindseligkeit, indem
er seinen Herrn darin weit überbietet. Ebenso teilen Kinder von früh an
die Ab- und Zuneigungen ihrer Eltern, Hunde diejenigen ihrer Herren.
Der Mechanismus der Übertragung ist am einleuchtendsten beim unmittelbaren
leiblichen Kontakt. In dieser Weise erlebt das Pferd die innere Verfassung seines
Reiters und wird von seiner Sicherheit oder Unsicherheit beeinflußt. Lehrreich ist
der folgende Vorfall, den mir ein Arzt erzählte. Ein Nahrungsmittel für seinen
Säugling war ausgegangen. Es wurde ersegt durch ein Präparat, das genau ebenso
beschaffen war und daher genau ebenso wirken mußte. Als die Mutter dann dem
Säugling auf ihrem Arm die Speise anbot, verweigerte dieser die Annahme. Als der
Vater darauf seinerseits das nämliche tat, nahm er die Nahrung an. Die Unruhe der
Mutter, die den Ersag nicht für vollwertig hielt, hatte sich ihm ebenso mitgeteilt
wie die Ruhe des Vaters, der über diesen Punkt völlig beruhigt war. — Bei
vielen Naturvölkern werden bekanntlich die Kinder jahrelang von der Mutter auf
dem Rücken getragen: vermutlich wird dadurch eine Art psychophysischer Kontakt
zwischen beiden Teilen hergestellt. der dem Kinde zu einem reicheren Miterleben
verhilft.
Auch für die ärztliche Kunst ist dieser Kontakt wahrscheinlich von viel größerer
Bedeutung als durchgängig angenommen wird, wenn wir wenigstens den Ausfüh-
rungen eines Schweizer Neurologen folgen dürfen. Neben der üblichen wissenschaft-
lichen Untersuchung gibt es danach noch den zweiten Weg der Einfühlung. Diese
beruht auf einer besonders feinen Empfänglichkeit für die Ausdruckshaltung des
Patienten, deren soziale Bedeutung noch viel zu wenig gewürdigt und ausgenußt ist:
es bildet sich ein Rapport zwischen dem Arzt und dem Kranken, so, als ob eine
Gemütsbewegung vom Kranken zum Arzt hinüberfließt, die eine gewisse Entlastung
des Patienten und eine entsprechende Belastung des Arztes mit sich bringt. „Tat-
sache ist, daß beim Arzt (falls ein genügender Grad von Konzentration und Re-
zeptivität vorhanden ist) ähnliche subjektive Empfindungen und Gefühle wie beim
Kranken (z. B. Kopf- und Magendruck, depressives Gefühl, Unruhe, Ärger) während
dieser ersten Phase auftreten können.“ (A. Maeder in der Schweiz. Medizin.
Wochenschrift. 54. Jahrg., Nr. 21, S. 15.)
4. Was in dem Vorhergehenden besprochen wurde, ist seinem Wesen
nach die Wiederholung eines Gefühlszustandes eines Wesens in anderen
Menschen — also Verdoppelung oder Vervielfältigung eines
Gefühlszustandes. Sie ist durchaus zu unterscheiden und durch-
aus verschieden von den später zu besprechenden Regungen des Mitgefühls
und ebenso auch von denjenigen des Hilfstriebes. Sie braucht auch nicht
etwa von diesen Regungen begleitet zu sein. Im Gegenteil vermag diese
Art Teilnahme in starker Ausprägung den Menschen zu lähmen, indem
sie ihn bis zur Ohnmacht körperlich schwächen kann. Auch empfindet sie
derjenige, der ihr unterworfen ist, oft nur als lästig und sucht der Ge-
legenheit dazu aus dem Wege zu gehen. Wohl kann sie unter Umständen
eine wichtige Stüße für den Willen oder die innere Teilnahme abgeben;
wohl hat sie große soziale Bedeutung: aber unberührt davon gilt der Sag,
daß die Verdoppelung eines Gefühls an sich sittlich belanglos ist.
5. Die soziale Bedeutung der Gefühlsüibertragung beruht