Full text: Gesellschaftslehre

102 Die sozialen Anlagen des Menschen und das Wesen der Gesellschaft, 
auf der Ausbreitung gewisser Zustände oder Verhaltungsweisen von einem 
Individuum aus über seine Umgebung und auf den sich daraus ergebenden 
Rückwirkungen. Bei den Tieren ist die Bedeutung dieser Ausbreitung 
hesonders klar: die „Erfahrungen“ eines Individuums kommen dadurch 
auch den übrigen zugute. Die Zuschauer (in deren Rolle erscheinen hier 
die übrigen Individuen) nehmen dadurch teil an dem Erlebnis und machen 
sich gegebenenfalls dessen Ertrag zu eigen. So kommt die Aufmerksam- 
keit des Leittieres, vermöge deren es rechtzeitig die Flucht ergreift, auch 
seiner ganzen Begleitung zugute, indem diese von seiner Furcht und 
Fluchthaltung angesteckt wird, ohne daß sie dieselbe Aufmerksamkeit 
aufzuwenden braucht. 
Beim Menschen gestalten sich die Verhältnisse verwickelter, weil 
die ursprüngliche Gleichheit der Lebensverhältnisse verloren geht. Wir 
müssen hier verschiedene Fälle unterscheiden. Bei der Panik z. B. 
breitet sich ein blinder Schrecken vom Quellpunkt der Erregung über die 
ganze Masse aus und stürzt sie in sinnlose Verwirrung. Von einer Zweck- 
mäßigkeit wird man in diesem besonderen Falle nicht sprechen können. 
Ein ganz anderes Bild, halb verwandt, halb entgegengesegt, zeigt die be- 
kannte Rührseligkeit. Wir wissen von Kindern, wie leicht ihnen 
die Tränen auf dem Wege der Ansteckung entlockt werden; auch bei 
Frauen ist es noch zum Teil so. Überhaupt finden wir in einfacheren Ver- 
bältnissen bei uns noch weitverbreitet jene „naturkindliche Kraft, jeden 
passend erscheinenden Moment einen Strom von Tränen vergießen zu 
können“ (Fontane). Unsere Leichenbegängnisse zeigen, wie schon oben 
erwähnt, dieselbe Neigung als allgemein menschlich: die Gebärden einer 
tiefen Trauer und Aufgelöstheit erstrecken sich über den Kreis der inner- 
lich -Beteiligten auf alle. Anwesenden und sind nicht etwa rein konven- 
tionell, sondern Ausdruck eines wirklichen Gefühlszustandes. Denken wir 
daran, so werden die bekannten Schilderungen von den ausschweifenden 
Trauerkundgebungen der Naturvölker bei Todesfällen unserem Verständ- 
nis nahegerückt. Die Rührseligkeit ist in der Hauptsache einfache Ge- 
fühlsübertragung teils auf sinnlicher, teils auf assoziativer Grundlage. 
Mitleid, also innere Teilnahme mit den Leidenden kann sich damit 
verbinden, wird aber im allgemeinen nur schwach ausgebildet sein in dem 
Maße, in dem die Gerührten innerlich unbeteiligte Zuschauer sind. Stark 
kann der Einschlag nicht sein, weil sonst der Lustcharakter der Rühr- 
seligkeit zerstört würde. An diesem Lustcharakter aber kann nach dem 
zanzen Eindruck. und nach dem, was das eigene Erlebnis in sich enthält, 
kein Zweifel sein. Wie erklärt er sich? Zunächst ist das Leidgefühl „un- 
echt“: es ist das Gefühl eines Zuschauers, der sein eigenes Gefühl genießt, 
nicht dasjenige des Beteiligten. Sodann befriedigt es als ein ungewöhn- 
liches Erlebnis das menschliche Sensationsbedürfnis. Weiter stellt sich
	        
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