Die Tatsachen der Sympathie.
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über das beigesellte Mitleid eine gewisse sittliche Selbstbefriedigung ein,
und endlich mag eine leise Regung der Schadenfreude über den Verlust
des anderen hinzukommen‘).
Eine wesentliche soziale Bedeutung hat dagegen die Übertra-
gung einer Gesinnung, die jemand gegen einen anderen hegt,
auf seine Umgebung. Wir können es täglich beobachten, wie die
Ab- und Zuneigung, die Verehrung oder das Herabsehen, das Vertrauen
oder Mißtrauen gegenüber einer bestimmten Person sich gewissen Per-
sonen in der Umgebung des so Gesinnten mitteilt. Namentlich für das
Verhalten der Kinder gegen ihre Umgebung spielt der Mechanismus der
Gefühlsübertragung eine wichtige Rolle. Belehrende Worte über Wert
oder Unwert eines Menschen haben auf sie wenig Einfluß, um so stärkeren
aher das Kundtun der Gesinnung durch Ausdruckssymptome, die die
Worte, die Handlungen und den Verkehr mit der betreffenden Person
begleiten. Wir sahen bereits oben, wie früh schon kleine Kinder, offen-
har auf dieser Grundlage, die soziale Stellung der Hausgenossen einzu-
schägen wissen. Was der Mechanismus der Gefühlsübertragung hier leistet,
das ist die Ausbreitung eines bestimmten Verhaltens. Von sozialer Be-
deutung ist sie in dem Maße, in dem dieses Verhalten angemessen und
nachahmungswürdig ist. Die hier angedeutete Bedingung ist aber, weil
die Erreger der Übertragung sich vorwiegend in überlegener Stellung be-
finden, in der Tat häufig erfüllt.
Von großer sozialer Bedeutung ist auch die Ausbreitung von Hal-
tungen, in denen sich die Persönlichkeit eines Menschen kund tut. Die
tägliche Erfahrung zeigt, wie stark ein frisches und lebendiges Wesen
einerseits, ein müdes und schleppendes anderseits ansteckend wirken kann.
Entsprechendes gilt von Dünkel und Bescheidenheit, von Friedlichkeit
und Aggressivität usw. Freilich kommt es dabei auf das innere Verhält-
nis der Personen zueinander an. Es sind namentlich führende, ange-
sehene, autoritative Personen, von denen in erster Linie eine solche An-
steckung ausgeht, offenbar in Zusammenhang mit dem früher ($ 5,3)
erörterten Willen zum Einswerden mit ihnen. Auf diesem Mechanismus
der Ansteckung beruht zu einem großen Teil die Bedeutung führender
Personen — ihre Fähigkeit, ihren Geist um sich herum auszubreiten und
zur Herrschaft zu bringen. Ein Lehrer z. B. verbreitet in dieser Weise
durch die bloße Art seines Auftretens und den Eindruck seiner Persön-
lichkeit einen Zustand des Eifers und Respektes, anderseits einen solchen
der Schlaffheit und Gleichgültigkeit in der Klasse. In großen Dimen-
sionen kann sich dasselbe geltend machen bei genialen politischen und
1) Vgl. Karl Groos, Spiele der Menschen, 1. Aufl., S. 38 und Yrö Hirn.
Die Anfänge der Kunst. S. 58.