Full text: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

593) Die Nachfrage nach Thee, Kaffee, Spirituosen. 135 
Ernährung die Kräfte steigert und die gute Stimmung giebt. Wo heute 8—7 Liter 
reinen Alkohols auf den Kopf jährlich verzehrt werden, wie in Deutschland, Frankreich, 
Belgien, kann man unzweifelhaft von einer ungesunden Ausdehnung des Branntwein— 
konsums reden: er berauscht schnell, untergräbt an sich und durch seine ungesunden 
Beisätze leicht die Gesundheit, ist gerade für die unteren Klassen zu einer wahren Pest 
geworden; er täuscht die Armen durch künstliche Belebung der Herzthätigkeit über ihre 
mangelnde Ernährung, führt um so raschere Erschöpfung der Kräfte herbei. 
Doch ist das Laster der Trunkenheit, d. h. des zu starken und häufigen Genusses 
berauschender Getränke nicht auf ihn allein zurückzuführen. Wie die Bibel Noah nach 
der ersien Weinlese sich betrinken iäßt, wie die Arier sich in ihrer Soma berauschten, 
so haben Römer und Griechen, Germanen und Slaven dem Laster gehuldigt, lange ehe 
es Branntwein gab. Aber allerdings ist die Trunkenheit durch die heutige erleichterte 
und verbilligte Produktion von Bier und Branntwein und die leichte Zugänglichmachung 
derselben vielfach ein allgemeines Volksübel geworden. Es hat wohl nie früher Zeiten 
gegeben, wo man behaupten konnte, wie jetzt von Großbritannien, Frankreich und 
Deutschland, es werde ein Sechstel des Volkseinkommens für geistige Getränke aus— 
gegeben. Ich führe die Schätzung Mulhalls darüber an, wie neuerdings (1895) in 
einigen Ländern der Getränkekonsum in Mill. Mark zu den Ausgaben für die andern 
Hauͤptposten der Ernährung sich stellte: 
Fleisch 
Broßbritanien 1251 1866 1886 128 681 7812 
Fraukreich . 1948 1271 13538 302 1497 6971 
Deutschland . 2091 1476 1456 4271 2030 8324 
Osterreich .. 1558 928 574 738 1210 5 003 
Ralien .. 923 369 738 410 779 3219 
Schweiz.. * 82 103 62 82 103 432 
Veteinigte Staaten 1845 2045 1292 1748 3239 10 164 
Betreide 
Getränke 
Milchwirtsch. 
VProdukte 
Verschiedenes Zusammen 
Man hat 1902 den Wert der in Deutschland verbrauchten alkoholischen Ge— 
tränke auf gegen 8 Milliarden Mark berechnet; man hat betont, daß 70 Prozent der 
jährlich zunehmenden Verbrechen mit dem Branntwein in Zusammenhang ständen, daß 
das Übel durch Ausdehnung von den oberen auf die unteren Klassen, durch die Trink— 
sucht der jungen, sich zu sehr selbst überlafsenen Arbeiter maßlos geworden sei. 
Es handelt sich hier gewiß um einen der dunkelsten Punkte der Nachfrage, der 
Volksgewohnheiten; wenn nur die Hälfte des für geistige Getränke ausgegebenen Ein⸗ 
kommens für bessere Nahrungsmittel und höhere Zwecke vorausgabt würde, so wäre 
schon unendlich viel gewonnen. Alle Mittel der Erziehung, der Belehrung, der ver— 
befserten Einrichtungen, Gewöhnung an höhere Bedürjnisse sollten hierfuͤr eingesetzt 
werden. Die Hebung des Volkswohlstandes, eine richtige Schankpolizei, das Arbeiter— 
vereinswesen und eine steigende Einsicht weiter Kreise in die Zusammenhänge können 
schon viel wirken. Ob schnell, ob erst nach Generationen und Zeitaltern, steht dahin. 
J Können wir doch überhaupt sagen, daß zwar Hunger und Durst, Geschmack und 
ästhetischer Sinn den Menschen wohl seit Jaͤhrtausenden im ganzen richtig in der 
Geftallung seiner Nachfrage nach Nahrungs- und Genußmitteln gelenkt habe; daß aber 
der Geschmack und seine Verirrungen, die Unklarheit über die Geheimnisse der Er— 
nährung doch die Menschen vielfach auch in falsche Bahnen führten; ganze Stämme 
und Völker, ganze Klassen haben sich immer wieder falsch ernährt, haben sich über die 
Nahrhafligteit der Speisen getäuscht, wenn sie nur den Magen gefüllt hatten; haben 
die Gefahr gewisser Genuß- und Reizmittel verkannt. Erst seit zwei Menschenaltern 
hat uns die Physiologie über alle diese Zusammenhänge aufgeklärt, und ihre Wirkung 
ist noch kaum n die Massen gedrungen; sie wird aber ficher die künftige Ernährung 
und damit die Nachfrage immer mehr beeinflussen. 
Neben den Fehlern und Mißgriffen haben wir jedoch in der Geschichte der Er— 
nährung doch auch Iroße Fortschritte zu verzeichnen: die Ausbildung des Acker- und
	        
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