106 Die sozialen Anlagen des Menschen und das Wesen der Gesellschaft.
gehören.) Namentlich in den Handlungen bekundet sich oft ein Ver-
ständnis letzterer Art, zum Teil handelt es sich dabei um solche Erkennt-
nisinhalte, die wegen ihrer absolut individuellen Natur einer Formu-
lierung mit Hilfe der generellen sprachlichen Mittel überhaupt nicht er-
schöpfend zugängig sind. Damit kommen wir auf eine zweite grund-
legende Tatsache: das Verständnis bezieht sich nicht nur auf den ein-
zelnen Seelenzustand in seiner allgemeinen Qualität, in der er bei allen
Menschen gleich ist, sondern auch auf die individuelle Besonderheit, in
der er auch vom Verstehenden selber nicht erlebt werden kann. Mit
voller Evidenz ist uns „häufig schon in Gesten, die ihrer Bedeutung nach
yanz untergeordnet sind, in einem gehörten Räuspern eines Menschen,
‚.. in einer von ferne gesehenen Gehbewegung, in einer scheinbar be-
deutungslosen Rede oder in dem gefühlten Sinn eines Lächelns“ ein be-
stimmtes Individuum einzig und unverwechselbar gegeben — „ohne daß
wir auch nur im entferntesten angeben können, woran dies eigentlich
liegt‘“1). Am stärksten entwickelt ist dieses eindringende Verständnis bei
Liebenden, ohne daß sie viel, ja ohne daß sie überhaupt über einen be-
stimmten oder irgendeinen Gegenstand sich gegeneinander ausgesprochen
zu haben brauchen: „Sie verstehen halbe Andeutungen, halbe Worte,
Gesten, Mienen, die auch solchen Menschen entgehen oder unverständlich
bleiben, die aus jahrelangem Verkehr eine, wie man meinen sollte,
rründliche Kenntnis des Betreffenden erworben haben“).
Der Grad des Verstehens ist je nach der Beziehung der in Be-
tracht kommenden Personen zueinander, wie damit schon angedeutet,
sehr verschieden. Den stärksten Grad erreicht es außer bei Liebenden
wohl im Verhältnis von Mutter und Kind. Man kann diese beiden Fälle
Jahin verallgemeinern, daß die Gemeinschaft die Grundlage für
seine stärkste Ausbildung abgibt. Es hängt das mit dem Wesen
der Gemeinschaft, mit der in ihr enthaltenen inneren Nähe und dem mit
ihr gegebenen Willen zur Verständigung unmittelbar zusammen. Außer-
halb der Gemeinschaft ist das Verstehen viel schwächer. Wenn Kinder,
Ungebildete und Angehörige niederer Völker gegen Tiere in der Regel
roh sind, d. h. gleichgültig gegen ihre Leiden (was wohl zu unterscheiden
ist von der Grausamkeit als Freude am Schmerze anderer), so ist ein
Grund dafür meistens einfache Gedankenlosigkeit: sie haben keine Vor-
stellung von dem zugefügten Schmerze, weil ihnen jedes Hineinversegen
in die Seele des Tieres und jedes Interesse daran fernliegt. Auch für
die menschlichen Beziehungen außerhalb der Gemeinschaft gilt Ähnliches.
Im besonderen besteht ein geringerer Grad von Verständnis bei starken
1) Max Scheler, Abhandlungen und Aufsäge, Bd. II, S. 164.
2\ Rudolf Allers im Handbuch der vergleichenden Psychologie, Bd. III, S. 470.