Die Tatsachen der Sympathie.
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Klassenunterschieden, speziell in dem Verhältnis der Herrenschicht zu
der unteren Schicht einschließlich der Sklaven. Und zwar besteht hier
eine verhängnisvolle Wechselwirkung zwischen dem geringen Verständ-
nis und dem geringen Interesse: die Gleichgültigkeit gegen die Leiden
der niederen Volksmassen bei ausgesprochen herrschaftlicher Organi-
sation geht einerseits mit daraus hervor, daß man sich gar kein Bild
von ihrem inneren Leben und inneren Nöten macht. Daß aber ein solches
Bild und der Wille ein Verständnis zu gewinnen überhaupt fehlt, ist
wieder bereits eine Folge eines mangelnden Interesses.
Noch nach einer andern Richtung sei hier die Abnahme des Verständnisses
außerhalb der Gemeinschaft verfolgt. Und zwar handelt es sich hierbei um einen
Typus, der gerade im modernen Leben die größte Bedeutung gewonnen hat. Unter
Fernerstehenden nimmt das Verständnis für das rein Individuelle im Aus-
tausch der Kundgebungen sehr ab. Es bleibt für das Verständnis nur das Allge-
meine übrig, dasjenige, was sich als Sinn der Mitteilung von der Person ablösen läßt:
der „Geist“ kann auch da noch verstanden werden, wo für die „Seele“ das Ver-
ständnis und auch der Wille dazu geschwunden ist. Es herrscht dann jene Sach-
lichkeit der Beziehungen, die im modernen Leben ihren Gipfel erreicht hat.
Nach seiner subjektiven Form betrachtet kann das Verstehen einen
ınehr abstrakten oder einen mehr anschaulichen Charakter
haben. Im ersten Fall handelt es sich um ein bloßes Wissen, im zweiten
ist neben der Intelligenz auch die Phantasie beteiligt. Hier versenkt sich
der Verstehende in die Seele des andern und sucht sich ihren Zustand
anschaulich nahe zu rücken. Hier kommt das Verstehen einem wirklichen
Nacherleben einigermaßen nahe. Bei diesem Typus spricht man passend
von Einfühlung. Das „Nacherleben‘“, von dem eben die Rede war, darf
dabei aber natürlich nicht im Sinne der Gefühlsübertragung verstanden
werden: der Zustand der andern wird nicht einfach erlebt, sondern es
bleibt die Bewußtseinslage der Nachbildung bestehen mit ihrer Distanz
und ihrem Darüberstehen des Verstehenden. Daher das Einfühlen gegen-
über seinem Gegenstande immer etwas Abgeblaßtes, der spezifischen Ge-
fühls- und Willenselemente Entkleidetes besigt. Freilich kann daneben
besonders bei engen Beziehungen auch ein wirkliches Miterleben im Sinne
der Gefühlsübertragung eintreten, z. B. beim Anblick sinnlicher Leiden
eines Menschen. In derartigen Mischzuständen verbinden sich dann eben
zwei ihrem Wesen nach grundverschiedene Arten von seelischen Vor-
yaängen
7. Eine dritte Gruppe von Sympathieerscheinungen bilden
endlich die Erscheinungen des Mitgefühls, d. h. die Tat-
sachen der Mitfreude und des Mitleides. Hier handelt es sich wiederum
um Gefühlsprozesse, aber wiederum in einem neuen Sinne. Die fremde
Freude oder das fremde Leid wird nicht einfach nachgebildet. sie werden