Full text: Gesellschaftslehre

Die Tatsachen der Sympathie. 
107 
Klassenunterschieden, speziell in dem Verhältnis der Herrenschicht zu 
der unteren Schicht einschließlich der Sklaven. Und zwar besteht hier 
eine verhängnisvolle Wechselwirkung zwischen dem geringen Verständ- 
nis und dem geringen Interesse: die Gleichgültigkeit gegen die Leiden 
der niederen Volksmassen bei ausgesprochen herrschaftlicher Organi- 
sation geht einerseits mit daraus hervor, daß man sich gar kein Bild 
von ihrem inneren Leben und inneren Nöten macht. Daß aber ein solches 
Bild und der Wille ein Verständnis zu gewinnen überhaupt fehlt, ist 
wieder bereits eine Folge eines mangelnden Interesses. 
Noch nach einer andern Richtung sei hier die Abnahme des Verständnisses 
außerhalb der Gemeinschaft verfolgt. Und zwar handelt es sich hierbei um einen 
Typus, der gerade im modernen Leben die größte Bedeutung gewonnen hat. Unter 
Fernerstehenden nimmt das Verständnis für das rein Individuelle im Aus- 
tausch der Kundgebungen sehr ab. Es bleibt für das Verständnis nur das Allge- 
meine übrig, dasjenige, was sich als Sinn der Mitteilung von der Person ablösen läßt: 
der „Geist“ kann auch da noch verstanden werden, wo für die „Seele“ das Ver- 
ständnis und auch der Wille dazu geschwunden ist. Es herrscht dann jene Sach- 
lichkeit der Beziehungen, die im modernen Leben ihren Gipfel erreicht hat. 
Nach seiner subjektiven Form betrachtet kann das Verstehen einen 
ınehr abstrakten oder einen mehr anschaulichen Charakter 
haben. Im ersten Fall handelt es sich um ein bloßes Wissen, im zweiten 
ist neben der Intelligenz auch die Phantasie beteiligt. Hier versenkt sich 
der Verstehende in die Seele des andern und sucht sich ihren Zustand 
anschaulich nahe zu rücken. Hier kommt das Verstehen einem wirklichen 
Nacherleben einigermaßen nahe. Bei diesem Typus spricht man passend 
von Einfühlung. Das „Nacherleben‘“, von dem eben die Rede war, darf 
dabei aber natürlich nicht im Sinne der Gefühlsübertragung verstanden 
werden: der Zustand der andern wird nicht einfach erlebt, sondern es 
bleibt die Bewußtseinslage der Nachbildung bestehen mit ihrer Distanz 
und ihrem Darüberstehen des Verstehenden. Daher das Einfühlen gegen- 
über seinem Gegenstande immer etwas Abgeblaßtes, der spezifischen Ge- 
fühls- und Willenselemente Entkleidetes besigt. Freilich kann daneben 
besonders bei engen Beziehungen auch ein wirkliches Miterleben im Sinne 
der Gefühlsübertragung eintreten, z. B. beim Anblick sinnlicher Leiden 
eines Menschen. In derartigen Mischzuständen verbinden sich dann eben 
zwei ihrem Wesen nach grundverschiedene Arten von seelischen Vor- 
yaängen 
7. Eine dritte Gruppe von Sympathieerscheinungen bilden 
endlich die Erscheinungen des Mitgefühls, d. h. die Tat- 
sachen der Mitfreude und des Mitleides. Hier handelt es sich wiederum 
um Gefühlsprozesse, aber wiederum in einem neuen Sinne. Die fremde 
Freude oder das fremde Leid wird nicht einfach nachgebildet. sie werden
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.