Full text: Gesellschaftslehre

108 Die sozialen Anlagen des Menschen und das Wesen der Gesellschaft. 
auch nicht theoretisch begriffen, sondern sie sind der Gegenstand einer ge- 
fühlsmäßigen Bewertung, einer inneren Anteilnahme: fremdes Glück 
erregt Freude, fremdes Leid erregt Schmerz. Um ein früheres Bild zu 
wiederholen: der vom Mitgefühl Ergriffene steht nicht in Reih und 
Glied mit dem Erleidenden, dem gleichen Schicksal unterworfen; er 
steht auch nicht seitwärts als unbeteiligter Betrachter; sondern er steht 
wohl über den Dingen, aber ihnen doch als beteiligter Betrachter gegen- 
über. Natürlich kann dieser Vorgang sich mit den früher unterschiedenen 
Fällen verbinden. Es muß sogar mindestens ein gewisses Wissen um den 
fremden Gemütszustand vorhanden sein. Aber ein tieferes Verständnis 
oder gar ein wirkliches Nacherleben ist nicht nötig. Wie könnten sonst 
Eltern so viel Teilnahme für ihre Kinder haben, wo sie doch durch eine 
tiefe Kluft von ihnen geschieden und einer wirklichen Nachbildung 
ihres Innenlebens gar nicht fähig sind. Man hat früher vielfach das 
Mitleid zu der Gefühlsansteckung in enge Beziehung ge- 
bracht oder geradezu damit verwechselt. Entweder wurden beide 
überhaupt nicht unterschieden oder man ließ das Mitleid allmählich 
aus der Gefühlsansteckung hervorwachsen. Der Gedanke dabei war im 
leöteren Fall der: indem man andre leiden sieht, leidet man selbst mit; 
und da man leidet, hilft man dem anderen, um sich von dem Übel zu 
befreien. Diese Auffassung herrscht bei Adam Smith, Spencer, Darwin 
ınd auch noch bei Niegsche. — Zwischen Tier und Mensch wurde über- 
haupt kein Unterschied gemacht: Tieren wurde mit der Gefühlsanstek- 
kung mit Unrecht auch das Mitleid zugesprochen, das tatsächlich erst 
siner viel höheren Stufe entspricht. Ferner wurde die „Sympathie“, 
worunter man beides zusammenfaßte, mit Unrecht zu dem Hilfsinstinkt 
in enge Beziehung gebracht. In Wirklichkeit wird der Hilfsinstinkt wie 
jeder Instinkt durch bestimmte Situationen selbständig, unabhängig vom 
Mitleid, in Bewegung gesegt. Wer einen Ertrinkenden errettet, kommt 
schwerlich dazu, erst Mitleid zu verspüren. Auch zeigen die Tiere, wie 
oben bemerkt, wohl Hilfsbereitschaft, aber kein Mitleid. — Von einer 
allmählichen Entwicklung des Mitleids aus der Gefühlsansteckung kann 
ebenso wenig die Rede sein, wie von einem Herauswachsen der mensch- 
lichen, d.h. Symbole gebrauchenden Sprache aus der voraufgehenden 
Spiel- und Ausdruckstätigkeit des Kindes. In beiden Fällen entsteht 
vielmehr durch einen Sprung etwas völlig Neues entsprechend dem Prin- 
zip der schöpferischen Entwicklung. 
Die sprachliche Bezeichnung des Mitleides als eines Mit-Leidens 
ist vielleicht aus dem gleichen Irrtum hervorgegangen; jedenfalls kann sie seiner 
Erzeugung und Befestigung dienen. — Auch Niegsche huldigt bei seiner abschägigen 
Beurteilung des Mitleides dem gleichen Irrtum, zu dem er vielleicht durch sie mit 
verführt ist: „Das Leiden selbst wird durch das Mitleiden ansteckend; unter Umstän-
	        
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