Full text : Gesellschaftslehre

Die Tatsachen der Sympathie.

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den kann mit ihm eine Gesamteinbuße an Leben und Lebensenergie erreicht werden.“
— „Dieser depressive und kontagiöse Instinkt kreuzt jene Instinkte, welche auf Erhaltung
 der Werterhöhung des Lebens aus sind: Er ist ebenso als Multiplikator
des Elends und als Konservator alles Elenden ein Hauptwerkzeug zuür Steigerung
der Dekadenz.‘“ {(Antichrist 7.)

Das Mitleid hat zur Voraussetzung das Verständnis
des Leidens. Umgekehrt beruht der Mangel an Mitleid, den man in der
Regel als Roheit bezeichnet, auf dem Mangel dieses Verständnisses.
Scheler unterscheidet mit Recht zwischen dieser Art Roheit, die einen
negativen Charakter hat, und der positiven Roheit (besser Grausamkeit
genannt), die aus der Freude am Leiden hervorgeht. Sie hat gerade ein
Verständnis zur Grundlage, vielfach auch ein Miterleben im Sinne eines
erregenden Kigels, vergleichbar etwa dem Gruseln beim Märchenerzählen,
im Hintergrunde des Bewußtseins.
Mitleid kann nach dem Gesagten nur in demjenigen Umfange auftreten,
 innerhalb dessen ein Verständnis für das Leiden besteht. Verändern
 sich die Grenzen für die Möglichkeit des Verstehens, so gilt das
Gleiche für die Möglichkeit des Mitleides. Zeigt also ein Zeitalter oder
ein Volk gegenüber anderen ein erhöhtes Maß von Mitleid,
so ist dabei zwischen zwei möglichen Ursachen sorgfältig zu
unterscheiden: Erstens kann das Wachstum eine unmittelbare Folge eines
gewachsenen Maßes von Verständnis sein; in diesem Fall bedeutet es keine
gestiegene Empfänglichkeit für den Wert der Menschen und ihres Gedeihens
 und bedeutet keinen ethischen Gewinn. Anders, wenn es bei
unveränderter Verständnisgrundlage aus einer gestiegenen Teilnahmebereitschaft
 und erhöhten Achtung gegenüber dem Mitmenschen hervorgegangen
 ist, die den unverändert erfaßten Tatbestand anders bewerten
läßt: nur in diesem Fall kann von einem sittlichen Fortschritt die Rede
sein. Die außerordentliche Steigerung des Mitleides in unserer Zeit z. B.
will Scheler lediglich darauf zurückführen, daß wir viel schmerzempfindlicher
 geworden sind und demgemäß der Inhalt des Verständnisses des
fremden Leidens sich entsprechend für uns geändert hat, sodaß wir gegenüber
 früheren Zeiten in dem gleichen Leiden einen ganz anderen Tatbestand
 erfassen.

8. Den ethischen Wert des Mitleides darf man nicht überschägen
 dahin, daß das Mitleid die Kardinaltugend sei. Auch in psychologischer
 Hinsicht darf man nicht glauben, das Mitleid sei die Ursache
aller Hilfsbereitschaft. Dahinter steckt der populäre Irrtum, daß alles
Verhalten durch Gefühle der Lust und Unlust bestimmt sei. Tatsächlich
wird der Hilfsinstinkt, wie schon gesagt, durch bestimmte Situationen,
die für ihn als Reize wirken, zur Betätigung veranlaßt, ohne daß das
Mitleid als Motiv mitzusprechen braucht. Bei der Hilfsbereitschaft ist
            
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