Full text: Gesellschaftslehre

110 Die sozialen Anlagen des Menschen und das Wesen der Gesellschaft. 
dabei von seiner individuellen, d. h. auf einzelne, und zwar meist auf 
nahestehende Personen gerichteten Form diejenige zu unterscheiden, die 
auf die Gruppe als Ganzes und dessen Wohlfahrt gerichtet ist. Im legte- 
ren Fall kommt das Mitsprechen des Mitleides überhaupt nur wenig. in 
Frage; im ersteren Fall gehen Mitleid und Hilfsbereitschaft wohl viel- 
fach zusammen, aber sie sind dann einander nebengeordnet, statt im 
Verhältnis von Ursache und Wirkung zu einander zu stehen. 
9, Über die sozialen Bedingungen, unter denen die 
Tatsachen der Sympathie, darunter die drei von uns unterschiedenen Be- 
deutungen des Wortes zusammengefaßt gedacht, auftreten, sei kurz fol- 
vendes bemerkt. Am stärksten entwickelt ist die Sympathie in der Ge- 
meinschaft der Gruppe entsprechend der Tatsache, daß in dieser alle 
sozialen Anlagen zur stärksten Entfaltung kommen. In dem Verhalten 
Fremden gegenüber sind zwei Fälle zu unterscheiden: wofern sie als 
Fersonen ($ 14.) aufgefaßt werden, aber so, daß nur ein kühles, 
zachliches Verhältnis ($ 20) ihnen gegenüber besteht, ist auch die Sym- 
pathie entsprechend schwach entwickelt; wofern sie jedoch als eine 
Sache aufgefaßt werden (d. h. als ein bloßes Mittel für die eigenen 
[nteressen), besteht gegen den Menschen so wenig Sympathie wie sie 
einem Stein gegenüber auftritt. Für den besonderen Fall des Ver- 
stehens werden wir später ($ 21,5) den tiefen Unterschied näher kennen 
(ernen, der zwischen dem Verstehen innerhalb der Gemeinschaft und 
demjenigen gegenüber Fremden besteht. — Endlich ist noch ein beson- 
derer Fall anzuführen, nämlich das Verhalten gegenüber dem Feinde, 
d. h. gegenüber dem Menschen, gegen den man sich im Kampfverhältnis 
und unter Umständen in der Gesinnung des Hasses befindet. Hier ist 
lie Sympathie nicht 'einfach gleich Null geworden, sondern hat geradezu, 
soweit es möglich ist, einen negativen Chara kter: statt des 
einfachen Fehlens des Mitleides kann geradezu Freude am Leiden des 
andern, also Grausamkeit auftreten; ebenso statt des einfachen Mangels 
an Verständnis geradezu eine Freude an der Entstellung des Bildes des 
andern, besonders wo sich der Haß und andere Leidenschaften hinzu- 
zesellen ($ 8,4). — In einer anderen Formulierung können wir den Sach- 
verhalt auch so ausdrücken: die Sympathie besteht in voller Stärke, wo 
lie volle innere Verbundenheit des gesellschaftlichen Zustandes nicht 
gehemmt ist, wo gleichsam dem Eindringen der anderen Person kein 
Hemmnis entgegensteht, wo der Andere vielmehr „angenommen“ wird; 
sie fehlt, wo die Personen einander gleichgültig sind; und sie hat nega- 
tiven Charakter, wo die Person des Andern „abgelehnt“ wird, d. h. wo 
sie (wie beim Vorgang des Hasses, $ 8,,) zunächst innerlich ergriffen 
und dann wieder ferngerückt wird.
	        
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