Die Tatsachen der Sympathie.
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Näheres über „Annahme“ und Ablehnung $ 11, und 20,,.
Literatur: Grundlegend Max Scheler, Zur Phänomenologie und Theorie
der Sympathiegefühle, Halle 1913. Zweite Auflage u. d. Titel: Wesen und Formen
der Sympathie. Bonn 1923. Ferner E. Kramer, Das Phänomen des Mitgefühls in
der modernen Philosophie, Kölner Dissert. 1922 (Behandelt Schopenhauer und
Niegösche). — Zur Theoriegeschichte: K. von Orelli, Die philosophischen Auffas-
sungen des Mitleids.
10. Die Nachahmune.
Inhalt: Die universell verbreitete Nachahmung ist zum Teil eine wegen ihrer
fördernden Wirkungen gewählte Verhaltungsweise. In der Hauptsache aber ist sie
triebhafter Natur. Und zwar beruht sie, von einer geringen Zahl instinktiv nach-
geahmter Vorgänge abgesehen, auf einer angeborenen plastischen Anlage, nämlich der
Disposition, von der Wahrnehmung oder Vorstellung einer Bewegung zu dieser selbst
überzugehen. Im allgemeinen müssen aber besonders auf höherer Stufe weitere An-
triebe zum Realisieren dieser Disposition hinzutreten. — Die Nachahmung ist eine
der wichtigsten Grundlagen für die Erhaltung der Kultur, d. h. für ihre Überliefe-
rung an die nächste Generation. An Stelle einer bewußten Erziehung ist auf tieferer
Stufe immer mehr eine unwillkürliche schrittweise Nachahmung der Lebensführung
der Erwachsenen durch die Kinder zu konstatieren. Daß die Nachahmung dabei im
Effekt sich mit ihrem Vorbilde deckt, ist nicht selbstverständlich. Vielmehr kommen
auch vielfach Abweichungen davon vor.
1. Frühere Zeiten wußten von der Nachahmung nicht viel mehr zu
sagen, als daß sie bei den Affen vorkommt. Man erblickte darin eine
Art jener Kuriositäten, durch die die Affen überhaupt ausgezeichnet er-
schienen. Heute wissen wir, daß sie dort nur beschränkte Bedeutung
hesigt, dagegen im sozialen Leben der Menschheit von ungeheurer Ver-
breitung wie Bedeutung ist. In der Tierwelt wird die Lebensführung
in erster Linie durch Instinkte bestimmt. Freilich kann auch für deren
früheste Betätigung im Einzelleben das Vorbild eine auslösende Bedeu-
tung gewinnen. So fangen von erwachsenen Tieren abgeschlossene neu-
geborene Hühner nach den Beobachtungen Lloyd Morgans mit dem Auf-
picken von Körnern erst dann an, wenn man ihnen mit einer Stecknadel
die Bewegung vorgemacht hat. Und weiter entsteht auf höheren Stufen
vermöge einer gewissen beschränkten Plastizität bereits ein Spielraum
für eine Beeinflussung durch die Umgebung. Hier segt nun die Nach-
ahmung ein und bringt zustande, daß bereits ein gewisses Maß von Tra-
dition bei manchen höheren Tierarten besteht. So beruht der Gesang
der Vögel nur zum Teil auf angeborenen Anlagen, zum Teil erhält er
sich durch Überlieferung. Wir erkennen das z. B. an den Abweichungen,
die da entstehen, wo einzelne Tiere Pflegeeltern haben. Ebenso ist die
Spottdrossel bekannt für ihre Fähigkeit und Vorliebe, die verschieden-
sten fremdartigen Geräusche nachzuahmen. Anderseits wissen wir auch
von solchen Pflegeverhältnissen wie demjenigen zwischen Hund und