112 Die sozialer"Anlagen des Menschen und das Wesen der Gesellschaft.
Kaye, daß das junge Tier in seiner ganzen Lebensweise erheblich aus
den gewohnten Bahnen abgelenkt wird*). Dieselbe Tätigkeit der Nach-
ahmung gewahren wir bei vielen gemeinsamen Veranstaltungen höher-
entwickelter Tiere. Dahin gehört, wenn ganze Vogelscharen gemeinsam
auffliegen, zu gleicher Zeit dieselben Laute ausstoßen oder denselben
Feind angreifen.
Wenden wir uns jegöt der Menschheit zu, so erwacht bei den Kindern
die Nachahmung sehr früh. Schon im ersten Jahre finden wir das Lachen
nachgeahmt und gewisse einfache Bewegungen wie das Mundspigen oder
Mundöffnen, auch das Zukneifen und Öffnen der Augen. Ebenso früh
stellt sich das Nachahmen einfacher Laute ein. Wie sehr die weitere
Entwicklung des Kindes und seine ganzen Spiele die Nachahmung zur
Grundlage haben, bedarf keines Wortes. Insbesondere beruht auch die
Einfügung des Heranwachsenden in die Lebensordnung, Sprach-, Um-
gangs- und sonstigen Lebensformen auf der Nachahmung der Vorbilder,
die die Erwachsenen geben. Dasselbe gilt auch vom Lernen aller
Kunstfertigkeiten auf allen primitiveren Stufen des Lebens: die Kinder
ahmen die Erwachsenen nach, wobei sich die Tätigkeit allmählich vom
Spiel zum Ernst verschiebt. Wunderschön schildert das Verhältnis Nor-
denskiöld (Indianerleben S. 64): „Das Indianerkind lernt das Leben im
Spiel. Wenn die Mutter mit ihrem Töchterchen im Arme Wasser holt,
zo trägt das Mädchen einen winzig kleinen, dem der Mama ganz gleichen
Krug. Füllt die Mutter ihren großen Wasserkrug, so füllt sie auch den
"hres kleinen Töchterchens. Das Mädchen wächst und der Krug wächst.
Sie begleitet ihre Mutter bald zu Fuß und trägt gleich ihr einen eigenen
Krug auf dem Kopfe. Spinnt die Mutter, so spinnt auch ihr Kind auf
einer Spielzeugspindel. Der kleine Junge spielt mit seinem Neg5 im
Dorfe. Er fängt Laub, er fängt Tonscherben ... Ist er größer, so er-
hält er von dem Großvater ein größeres Neg und begleitet ihn auf den
Fischfang. Anfänglich fängt er nicht viel. Er und das Net wachsen, und
der Knabe, der Laub und Tonscherben gefischt hat, fängt große Silur-
oiden, Palometas und vieles andere.“
Voraussegung für diese Art des Lernens ist natürlich der an-
;schauliche Charakter der Tätigkeiten, d. h. eine solche Be-
schaffenheit der Tätigkeit, daß der Lernende durch das bloße Wahrneh-
men ihren Sinn, Zusammenhang und Aufbau zu erfassen vermag. Um-
gekehrt ist die Nachahmung auch nötig für das Lernen überall,
wo es noch keine planmäßige Unterweisung, also keinen Unterricht gibt.
Hierin besteht ein wichtiger Unterschied zwischen niederen und höheren
Kulturen. Das Rechtsprechen oder die Maschinenherstellung kann man
1) Beispiele bei Karl Groos, Spiele der Tiere, S. 184 f.