Full text: Gesellschaftslehre

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nicht „absehen‘“, wohl aber die Jagd bei den Naturvölkern. Bei uns ist 
daher ein Unterricht nötig, während man dort durch Zuschauen und 
Nachmachen lernt. Die Kinder sind daher bei uns in einer ganz ande- 
ren Lage als bei den Naturvölkern, nämlich durch eine tiefe Kluft von 
der Tätigkeit der Erwachsenen getrennt; während bei den Naturvölkern 
die Nachahmung zuerst in spielender, dann in ernsthafter Form eine be- 
queme Brücke schlägt. Im ganzen kann man also sagen: die Nach- 
ahmung erreicht beim Lernen auf den tieferen Stufen der Menschheit 
ibr Höchstmaß: bei den Tieren hat sie noch nicht die gleiche absolute, 
auf der Stufe unserer Gesittung nicht mehr die gleiche relative Bedeu- 
tung. — Es verbindet sich mit diesem Unterschied in der Art des Ler- 
nuens, im Großen gesehen, ein entsprechender Unterschied in der Auffas- 
sungsweise und Weltanschauung, nämlich ein Gegensagß zwischen mehr 
komplexer und mehr zergliedernder Auffassung: das 
Unterrichten drängt zum Analysieren; umgekehrt verbindet sich das 
nachahmende Lernen mit der komplexen Auffassungsweise, die von Haus 
aus dem Menschen eigen und auf dieser Stufe noch nicht zerstört ist. 
Durch das Zergliedern beim Unterrichten wird das Lernen erleichtert 
oder erst ermöglicht. Umgekehrt besteht für das nachahmende Lernen 
die Hauptschwierigkeit darin, daß der Lernende vor ein komplexes Gan- 
zes gestellt ist, das nicht als Ganzes nachgeahmt werden kann, sondern 
erst zweckentsprechend in der Auffassung verarbeitet sein muß. 
Wir berühren damit eine wichtige Frage. Die Nachahmung segt ein 
Verständnis voraus für den Sinn des Handelns, für sein Ziel und 
seinen Aufbau aus einzelnen Gliedern. Sonst kommt man nicht hinaus 
über ein unsicheres, meist ziel- und erfolgloses Herumtasten oder ein 
spielerisches Nachäffen. So haben gelegentlich Eingeborene die Schreib- 
tätigkeit der Europäer nachgemacht, indem sie das Papier mit sinnlosen 
Krigeln bedeckten — ein Verhalten gleich dem des Korporals, der dem 
Wallenstein das Räuspern und Spucken abgesehen hat; denn es geht her- 
vor aus dem Verlangen, sich den Wert der Europäer mindestens in den 
Augen der Umgebung anzueignen. — Die Grenzen der Nach- 
ahmung sind also gegeben durch die Grenzen des Ver- 
stehens. Daher versagen die Tiere im allgemeinen im Zusammen- 
leben mit den Menschen in dieser Hinsicht. Auch dem nachahmenden 
Lernen sind die gleichen Grenzen gezogen. Gewerbliche oder indu- 
strielle Betriebe verraten das Geheimnis ihrer Leistung dem besuchenden 
Laien deswegen nicht, weil dieser nicht über einen verworrenen Gesamt- 
eindruck hinauskommt; bei einigermaßen ausgebildeter Arbeitsteilung 
geht es auch dem besuchenden Fachmann nicht besser, womit die be- 
kannten Schwierigkeiten der Entlehnung und Verpflanzung derartiger 
Künste zusammenhängen. In einer einigermaßen ähnlichen Lage befin- 
Die Nachahmung. 
Vierkandt. Gesellschaftsliehre
	        
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