114 Die sozialen Anlagen des Menschen und das Wesen der Gesellschaft.
det sich auch das Kind dem Leben der Erwachsenen, schon ihrem
Sprechen, ebenso ihrem Hantieren mit Geräten und ihren sonstigen ab-
strakten Handlungen gegenüber. Es wird in der Regel nicht genug ge-
würdigt, was es bedeutet, daß das Kind das meiste hiervon fast ohne
Hilfe bewältigt. Erstaunlich ist schon allein die Art, wie es das Sprechen
lernt, indem es im Gegensag zu dem mehr oder weniger zergliedernden
Charakter des sprachlichen Unterrichtes lediglich mit dem Strom der
Rede in Berührung kommt, wobei es ihm überlassen bleibt, selber die
zusammengehörenden Teile herauszusuchen. „Und doch lernt der Mensch
nie soviel in der gleichen Zeit wie als Kind, wo das Lernen eine beson-
ders hochwertige Leistung ist. Man soll also nicht gedankenlos sagen:
ein bloßes Kind, viel mehr sollte man vor der leistungsreichen Periode
der Kindheit Hochachtung haben.“ —
2. Die zweite Frage, die wir uns vorlegen wollen, bezieht sich auf
die Motive der Nachahmung. Einerseits weist die Nach-
ahmung gewiß, gleichviel wie es sich im einzelnen damit verhalten mag,
auf eine angeborene Anlage zurück. Jedoch genügt sie allein
in den meisten Fällen nicht. In verwickelteren Verhältnissen nach Art
ler unseren ist das schon ausgeschlossen wegen der Interferenz der vie-
len sich widerstreitenden Vorbilder, die sich von verschiedenen Seiten
aufdrängen und gegenseitig stören. Überall in solchen Verhältnissen
trifft der einzelne tatsächlich eine Auswahl aus den verschiedenen Vor-
bildern. Es müssen also im allgemeinen noch weitere Motive zu
der ursprünglichen Anlage hinzukommen. Die wichtigsten einschlägigen
Typen seien im folgenden kurz geschildert.
Erstens kann die Gleichheit der Bedingungen eine
überwiegende Rolle spielen derart, daß von Nachahmung bei genauer
Betrachtung nicht viel übrig bleibt. So wenn auf einem großen Plag bei
Beginn eines leisen Regens allmählich das Aufspannen der Schirme von
einer Reihe einzelner Ausgangspunkte in den ersten Minuten sich aus-
hreitet; so wenn bei einer Gesellschaft nach längerem Beieinandersein
das Abschiednehmen der ersten, die sich zum Aufbruch rüsten, vielfach
Nachfolge findet. In solchen Fällen gibt das Vorbild nur den Anstoß;
in der Hauptsache handelt es sich um einen Parallelismus des Verhal-
tens.
Zweitens kann die förderliche Wirkung, speziell der Nutzen einer
Verhaltungsweise, indem sie einem andern einleuchtet, das Hauptmotiv
für deren Nachahmung abgeben. Wenn ein rühriger Kaufmann seinem
erfolgreichen Nachbarn eine anlockende Ladenaufmachung nachbildet, so
1) Koffka, Die Grundlagen der psychischen Entwickelung S. 229