Full text: Gesellschaftslehre

116 Die sozialen Anlagen des Menschen und das Wesen der Gesellschaft. 
werden. Auch hier wirkt das Vorbild in der Hauptsache nur als Anstoß 
oder auslösender Reiz. Und die hervorgerufene Tätigkeit folgt dem Vor- 
bild nicht als sklavische Kopie, sondern wird in ihrer Ausgestaltung 
durch innere Faktoren wesentlich bestimmt. Das gilt auch schon für die 
Auswahl unter den verschiedenen Vorbildern: wenn wir mit Vorliebe 
die Mädchen Pflegespiele, die Knaben Indianer- oder Jägerspiele trei- 
ben sehen, so läßt sich diese Verschiedenheit angesichts der Gleichheit 
der Vorbilder für beide Gruppen nur durch den Einfluß der eigenen 
Neigung erklären. Das Erlernen jeder Art von Sport beruht ebenso zum 
großen Teil auf dem sinnlichen Reiz und der Triebbefriedigung, die mit 
ihrer Betätigung verbunden sind. Lehrreich ist auch der Sachverhalt 
bei den Anfängen des kindlichen Sprechens. Früher als die eigentliche 
Nachahmung ist nach den Beobachtungen William Sterns!) die Selbst- 
nachahmung: der Säugling wiederholt viele ursprünglich wohl rein auto- 
matisch hervorgebrachte Laute fortgesegt wegen der damit verbundenen 
Befriedigung. Kommt dann später die Nachahmung fremder Laute hin- 
zu, so übt diese nur eine Auslese unter dem von der Selbstnachahmung 
geschaffenen Material und stügßt sich in ihrer Entwicklung auf deren 
Kräfte. 
Einen hesonderen hierhergehörigen Typus bilden die Fälle, in denen 
der Instinkt der Neugier, der Kampftrieb und die Freude am Können 
(genauer: Auch-Können) die Haupttriebkraft abgeben. Von gefangenen 
Affen besigen wir derartige Schilderungen, wonach sie Tätigkeiten, die 
die umgebenden Menschen vornehmen, so lange nachzuahmen sich be- 
mühen, bis sie ihnen gelingen. Kinder zeigen ein ähnliches Interesse 
daran, die Kunststücke nachzuahmen, die ihre Amme ihnen vormacht. 
Die Ausübung des Sportes und aller Art von Spiel bei Kindern beruht 
ebenfalls zum großen Teile hierauf. Und auch unter Erwachsenen kann 
es vorkommen, wenn der eine eine bestimmte körperliche Kraft- oder 
Geschicklichkeitsprobe ablegt, daß die anderen versuchen, ob sie das- 
selbe zu leisten vermögen. Und wenn reisenden Europäern von den In- 
dividuen der Naturvölker manche Verrichtungen wie das Mundspülen, 
Händewaschen, Schreiben, Kleideranziehen usw. vielfach mit affenartiger 
Geschicklichkeit nachgeahmt wurden, so sind auch hier wenigstens zum 
Teil dieselben Affekte als Grund anzunehmen. Nämlich einerseits eine 
kindliche Neugierde, das Verlangen nach der Beantwortung der Frage: 
Wie macht man das? anderseits eine Regung des Selbstgefühls, das dem 
anderen an Geschicklichkeit nicht nachstehen möchte; und endlich der 
Kampftrieb, der durch die Schwierigkeit der Aufgabe und den sich darin 
u William Stern, Psychologie der frühen Kindheit S. 48.
	        
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