Full text: Gesellschaftslehre

122 Die sozialen Anlagen des Menschen und das Wesen der Gesellschaft. 
Tendenz, alles zu glauben, eine Tendenz, alle dargebotenen Überzeu- 
zungen anzunehmen, wobei freilich diese Tendenz sich nicht immer zu 
realisieren braucht. Wir betrachten sie hier nur in ihrer idealtypischen 
Reinheit. In dieser entfaltet sie sich in der voll realisierten Gemein- 
schaft. Zum Wesen der Gemeinschaft hat sie eine naheliegende Be- 
ziehung: es liegt hier wiederum der Sachverhalt vor, daß die Seele des 
Einzelnen gegen diejenigen seiner Genossen nicht spröde abgeschlossen 
ist, vielmehr gleichsam mit ihnen kommuniziert. 
Daß eine solche Tendenz zur Gläubigkeit als ursprüngliche Anlage 
existiert, dafür können wir drei Gründe anführen. Den er- 
3ten liefert eine genetische (genauer ontogenetische) Betrachtung. Das 
Kind, zeigt die Erfahrung, ist von Haus aus allen Eingebungen zugängig. 
Sehen wir von sekundären Einflüssen ab, so glaubt, können wir sagen, das 
Kind seiner Umgebung zunächst alles. Wie wäre es auch anders mög- 
lich, da dem Kinde anfangs die Möglichkeit der eigenen Nachprüfung 
und selbständigen Stellungnahme völlig fehlt. In dem Maße, in dem 
liese sich entwickeln, wird freilich auch die absolute Gläubigkeit be- 
schränkt. 
Ein zweites Argument liefert die Entwickelung der menschlichen 
Gattung, speziell diejenige ihres Seelenlebens. Die moderne Entwicke- 
‚ungspsychologie hat gezeigt, daß im primitiven Seelenleben die Unter- 
scheidung zwischen dem Subjektiven und dem Objektiven wenig entwickelt 
ist: alles was erlebt wird, gilt typisch für wirklich. Wie in diesem 
Sinne Träume, Visionen und Sinnestäuschungen real genommen werden, 
ist bekannt. Bestimmte Eindrücke oder Erlebnisse in ihrer Bedeutung 
auf das Subjekt einzuschränken und ihnen die objektive Haltung ab- 
zusprechen — diese Scheidung ist erst die Frucht einer späteren Re- 
AÄexion. Einem solchen Seelenleben erscheint auch jede Mitteilung nach 
ihrem vorstellungsmäßigen Inhalt als eine Realität: die durch die Mit- 
teilung geweckte Vorstellung wird ohne weiteres als geltend hingenom- 
men, ohne daß eine Kritik an ihr geübt würde. In der nachträglichen 
Erinnerung vollends wird zwischen einer solchen Mitteilung und dem 
Selbstgedachten kein Unterschied gemacht: der Inhalt der Mitteilung 
wird also dem Schag der eigenen Überzeugungen unbesehen einverleibt. 
Dieser Mangel an Unterscheidung zwischen dem Empfangenen und dem Eigenen 
ist im besonderen auch für die Tradition charakteristisch. Die Tradition herrscht 
bekanntlich nicht auf allen Kulturstufen, sondern nur auf denjenigen der gebundenen 
oder naiven Denkweise, von der hier die Rede ist. Die neue Generation bewegt sich 
hier überall in den Anschauungen der alten und glaubt dabei, diese aus sich ge- 
schöpft, d. h. aus ihrer eigenen Vernunft erzeugt oder aus der Sache selbst ent- 
aommen zu haben, während in Wirklichkeit nur ein Strom von Überlieferungen 
durch ihre Seelen hindurchgeht. „So vermag sich in einer Familie eine Haltung 
der Zuneigung und Abneigung ... . oder eine Sitte. z. B. des Urgroßvaters im Ver-
	        
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