Full text: Gesellschaftslehre

Die verbale Beeinflussung. 
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hältnis zu Frau und Kindern, traditionell übertragen haben, ohne daß der späte Enkel 
eine Ahnung hat, daß dies Erlebnis garnicht in ihm und in der Sache begründet ist. 
Man denke an den tradierten Haß der Welfen und Ghibellinen, die „Erbfeindschaft“ 
zwischen Germanen und Galliern‘* (Max Scheler. Wesen und Formen der Sympathie 
S. 41). 
Das dritte Argument ist einer teleologischen Erwägung zu ent- 
nehmen. Ein absolut kritisches Verhalten des Menschen ist der Natur 
der Dinge nach unmöglich. Es würde dem einzelnen die Kraft und Zeit 
zu seiner Durchführung fehlen. Wer jede Mitteilung und jede über- 
nommene Anschauung, auf die er sich verläßt und verlassen muß, bei 
seinem Verhalten erst auf ihre Richtigkeit nachprüfen wollte, würde 
nicht vom Fleck kommen. Der Mensch ist biologisch gezwungen, dogma- 
tisch zu sein, speziell sich auf seine Genossen zu verlassen und seiner 
Umgebung Meinungen ungeprüft zu übernehmen. Man könnte höchstens 
denken, die kritische Prüfung ließe sich, wenn sie sich den sachlichen In- 
halten gegenüber auch nicht bis zu Ende durchführen läßt, doch den Per- 
sonen gegenüber durchführen, indem nur die Mitteilungen solcher Per- 
sonen anerkannt werden, die erfahrungsmäßig auf Glaubwürdigkeit An- 
spruch haben. Aber dazu würde eine Reife gehören, die mindestens in 
der Jugend, d. h. den aufnahmereichsten Jahren, allgemein fehlt. Im 
übrigen wäre dieser Weg höchstens da gangbar, wo eine Reihe spezia- 
listisch gebildeter Fachleute für die verschiedenen Lebensgebiete zur 
Verfügung stehen. Und in dieser Weise wird eine kritische Haltung in- 
nerhalb der weitgehend rationalisierten Bereiche des modernen Lebens 
in der Tat durchgeführt. Auf anderen Kulturstufen aber kommt auch 
eine solche Beschränkung der Gläubigkeit nicht in Frage. Die populäre 
Meinung stellt sich die Annahme von Überzeugungen freilich so vor, daß 
für sie zwei Stadien unentbehrlich sind: zunächst muß die Mitteilung 
verstanden werden, und sodann wird sie einer kritischen Prüfung auf ihre 
Richtigkeit unterzogen. Tatsächlich entwickelt sich eine Tendenz zu einer 
solchen Prüfung erst auf einer höheren Stufe und kommt auch da nur 
eingeschränkt zur Herrschaft. Für das naive Bewußtsein ist das Verständ- 
nis gleichbedeutend mit der Annahme, soweit nicht besondere Umstände 
die legtere hindern. Die populäre Meinung stellt also den Sachverhalt 
auf den Kopf: für sie ist Mißtrauen und Ablehnung das Natürliche, die 
Rezeption die Ausnahme. In Wirklichkeit ist es umgekehrt: das mensch- 
liche Bewußtsein hat von Haus aus die Eigenschaft der Gläubig- 
keit, und es verliert diese Eigenschaft auch auf höheren Stufen nicht 
völlig. Wenn wir also von einem naiven Bewußtsein gesprochen haben, 
so findet dieser. Begriff in abgeschwächtem Maße auch noch bis zu der 
höchsten Stufe hinauf seine Anwendung. Tatsächlich existiert ebenso- 
wenig der Typus des absolut ungläubigen Menschen wie sein
	        
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