133
Sache, von Mensch und Mitteilung hat dieser Standpunkt kein Verständ-
nis. Drittens besteht das individualistische Vorurteil, wonach
der Mensch dem Menschen ebenso fremd wie einer Sache gegenübersteht,
seine Mitteilungen also ihn ebenso nur von außen wie etwa die fallenden
Regentropfen berühren können. Besonders nachdrücklich drängt sich
die Unhaltbarkeit dieses legten Vorurteiles auf. Tatsächlich gewahren
wir hier ein Eindringen der Seele in die Seele ganz im Sinne der inne-
ren Verbundenheit, die den eigentlichen Gegenstand dieses Kapitels
bildet.
Die verbale Beeinflussung.
Den Gegensatz zwischen der alten und der neuen Auffassung können wir in
Kürze auch dahin formulieren. Die alte Auffassung erblickt das Wesen der Sugge-
stion in einer Aufhebung der ursprünglichen Selbständigkeit des Urteils: der bei der
Suggestion bestehende Zustand bedeutet daher eine Lähmung der Urteilskraft,
ein Beherrschtsein im Sinne einer blinden Abhängigkeit. Für die neue Auffassung
bedeutet suggestiv beeinflussen so viel wie ein Ergreifen der ganzen Persönlichkeit
des Beeinflußten, bei dem die Aktivität der Seele nicht aufgehoben. son.
dern diese nur in eine Richtung konzentriert wird.
8. Die Überzeugungen, von denen bisher die Rede war, brauchen
sich nach ihrem Inhalt nicht auf rein theoretische, wertfreie Vorstel-
lungen zu beschränken, sie können auch Gefühle, Stimmungen und
Wertüberzeugungen zum Gegenstand haben. Unsere bisherigen Erörte-
rungen über verbale Beeinflussung finden auch auf diesen Fall sinn-
gemäße Anwendung. Das bloße Aussprechen eines Gefühls ruft eine un-
mittelbare Tendenz zu seiner Nachbildung hervor und die bloße Voraus-
sage eines eintretenden Gefühls eine gewisse Disposition zu seinem wirk-
lichen Eintritt. Wir können bei einem gemeinsam eingenommenen
Kaffee nicht hören, daß einer aus der Gesellschaft ihn schlecht findet,
ohne daß eine Tendenz zu derselben Gefühlsreaktion bei uns eintritt,
und die entsprechenden Wirkungen hat die Voraussage eines anderen,
daß wir das Getränk so finden werden. Natürlich braucht sich die Ten-
denz nicht jedesmal zu realisieren. Es kann vielmehr die Neigung zur
selbständigen Prüfung sich durchsegen oder sogar eine direkte Neigung
zur Opposition sich geltend machen. Auch hier gibt es hemmende und
fördernde Einflüsse, und auch hier vermag die Wirkung der Autorität
die Gefühlsbeeinflussung bis zum Abnormen zu steigern. An den Einfluß
der Mode in dieser Beziehung braucht man nur zu erinnern. Die Ge-
schichte der Sekten erzählt ferner von Handlungen, denen eine völlige
Aufhebung und Verkehrung des normalen Schamgefühls zugrunde liegt.
— Prinzipiell von dieser verbalen Beeinflussung zu unterscheiden ist
natürlich diejenige, die auf dem Mechanismus der Gefühlsübertragung
beruht, die also die Kundgebung des Gefühls durch Ausdrucksbewegun-
gen zur Voraussegung hat und häufig sich mit der verbalen verbindet