Full text: Gesellschaftslehre

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Sache, von Mensch und Mitteilung hat dieser Standpunkt kein Verständ- 
nis. Drittens besteht das individualistische Vorurteil, wonach 
der Mensch dem Menschen ebenso fremd wie einer Sache gegenübersteht, 
seine Mitteilungen also ihn ebenso nur von außen wie etwa die fallenden 
Regentropfen berühren können. Besonders nachdrücklich drängt sich 
die Unhaltbarkeit dieses legten Vorurteiles auf. Tatsächlich gewahren 
wir hier ein Eindringen der Seele in die Seele ganz im Sinne der inne- 
ren Verbundenheit, die den eigentlichen Gegenstand dieses Kapitels 
bildet. 
Die verbale Beeinflussung. 
Den Gegensatz zwischen der alten und der neuen Auffassung können wir in 
Kürze auch dahin formulieren. Die alte Auffassung erblickt das Wesen der Sugge- 
stion in einer Aufhebung der ursprünglichen Selbständigkeit des Urteils: der bei der 
Suggestion bestehende Zustand bedeutet daher eine Lähmung der Urteilskraft, 
ein Beherrschtsein im Sinne einer blinden Abhängigkeit. Für die neue Auffassung 
bedeutet suggestiv beeinflussen so viel wie ein Ergreifen der ganzen Persönlichkeit 
des Beeinflußten, bei dem die Aktivität der Seele nicht aufgehoben. son. 
dern diese nur in eine Richtung konzentriert wird. 
8. Die Überzeugungen, von denen bisher die Rede war, brauchen 
sich nach ihrem Inhalt nicht auf rein theoretische, wertfreie Vorstel- 
lungen zu beschränken, sie können auch Gefühle, Stimmungen und 
Wertüberzeugungen zum Gegenstand haben. Unsere bisherigen Erörte- 
rungen über verbale Beeinflussung finden auch auf diesen Fall sinn- 
gemäße Anwendung. Das bloße Aussprechen eines Gefühls ruft eine un- 
mittelbare Tendenz zu seiner Nachbildung hervor und die bloße Voraus- 
sage eines eintretenden Gefühls eine gewisse Disposition zu seinem wirk- 
lichen Eintritt. Wir können bei einem gemeinsam eingenommenen 
Kaffee nicht hören, daß einer aus der Gesellschaft ihn schlecht findet, 
ohne daß eine Tendenz zu derselben Gefühlsreaktion bei uns eintritt, 
und die entsprechenden Wirkungen hat die Voraussage eines anderen, 
daß wir das Getränk so finden werden. Natürlich braucht sich die Ten- 
denz nicht jedesmal zu realisieren. Es kann vielmehr die Neigung zur 
selbständigen Prüfung sich durchsegen oder sogar eine direkte Neigung 
zur Opposition sich geltend machen. Auch hier gibt es hemmende und 
fördernde Einflüsse, und auch hier vermag die Wirkung der Autorität 
die Gefühlsbeeinflussung bis zum Abnormen zu steigern. An den Einfluß 
der Mode in dieser Beziehung braucht man nur zu erinnern. Die Ge- 
schichte der Sekten erzählt ferner von Handlungen, denen eine völlige 
Aufhebung und Verkehrung des normalen Schamgefühls zugrunde liegt. 
— Prinzipiell von dieser verbalen Beeinflussung zu unterscheiden ist 
natürlich diejenige, die auf dem Mechanismus der Gefühlsübertragung 
beruht, die also die Kundgebung des Gefühls durch Ausdrucksbewegun- 
gen zur Voraussegung hat und häufig sich mit der verbalen verbindet
	        
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