Die verbale Beeinflussung.
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die moderne Menschheit in ihrer durchschnittlichen Verfassung eine Ausnahmestellung
ein. Man bezeichnet sie in diesem Zusammenhang gern als Masse. Wenigstens
schwebt wohl den meisten beim Gebrauche dieses Wortes ein Zustand gesteigerter
Lenksamkeit vor, der auf dem Mangel von Sitte und Tradition, von festen Lebens-
anschauungen und Lebensgewohnheiten beruht.
Literatur: Die oben angedeutete populäre Auffassung von der Suggestion
findet man namentlich vertreten in dem bekannten Werke von Otto Stoll, „Hyp-
notismus und Suggestion“2 1904. Der Begriff der Suggestion wird hier im weitesten
Sinne verwandt, soll aber gleichzeitig der Erklärung aller möglichen abnormen Er-
scheinungen dienen. Das Verdienst des Werkes liegt vor allem darin, daß es eine
Materialsammlung für solche ungewöhnlichen Steigerungen der Beeinflussung bietet.
So insbesondere für das Sektenwesen S. 440 fg. (Eine Besprechung des Werkes unter
dem oben entwickelten Gesichtspunkt. vom Verfasser im Archiv für die gesamte Psy-
chologie Bd. 4, Literaturbericht S. 23—26. Ähnlich beurteilt das Werk Wundt in
seiner „Völkerpsychologie“ 1. Aufl., II, 1, S. 574 fg.) Auf das Gebiet der Politik
wird die Stollsche Auffassung kritiklos angewandt in dem populären Buch von
A. Christensen, Politik und Massenmoral. In demselben Widerspruch befangen
ist Bechterew, Die Bedeutung der Suggestion im sozialen Leben, 1905, wenn er
alles, was nicht durch logisch begründete Überzeugungen in der Psyche entsteht, auf
Suggestion zurückführt, gleichzeitig aber durch diese die psychischen Epidemien und
Ähnliches erklären will. Verwandt mit Stolls Standpunkt und ähnlich ungeklärt
ist auch derjenige Alfred Lehmanns in seinem Werke „Aberglauben und Zau-
berei von den ältesten Zeiten an bis in die Gegenwart“, Übersegung, 2. Aufl,,
S. 551 fg. — Konsequent im weiteren Sinne wird das Wort verwandt bei Schmidt-
kunz, Psychologie der Suggestion. Hier bedeutet Suggestion jede Art von Beeinflus-
sung. Der Autor betont vor allem mit Recht die anregende Wirkung aller solcher
äußeren Beeinflussungen. Ähnlich Williams Stern, Psychologie der frühen
Kindheit. Leipzig 1914. S. 298. An andrer Stelle ist dagegen für diesen Autor der
Tatbestand der Selbsttäuschung maßgebend, wenn er „passive Suggestion das Über-
nehmen einer anderweitigen geistigen Stellungnahme unter dem Schein des eigenen
Stellungnehmens‘“ nennt. Dagegen stellt wieder Jodl (Psychologie2, II, 259) die
Suggestion als völlig normalen Vorgang hin. — Anderseits beschränkt Lipps (Zur
Psychologie der Suggestion, Leipzig 1897, S. 7 und 12) ebenso konsequent den Be-
griff auf solche ungewöhnliche Fälle, in denen eine Überzeugung oder ein anderer
Bewußtseinsvorgang auf inadäquate Weise zustande kommt, d. h. in denen ihr Auf-
treten dem widerspricht, wessen man sich erfahrungsgemäß von dem betreffenden In-
dividuum zu gewärtigen hat (also „Stiltrübung‘“). Ebenso klar ist die Begriffsbestim-
mung in derselben Richtung bei Willy Hellpach: die Beeinflussung überschrei-
tet im allgemeinen nicht ein gewisses Maß; tut sie es, so ist von Suggestion zu spre-
chen (Grundlinien e. Psychologie der Hyst. Kap. 4; Die geistigen Epidemien S. 44 fg.).
— Eng mit dem Verfasser berührt sich Erwin Straus, Wesen und Vorgang der
Suggestion (Abhdlgn. a. d. Neurologie, Psychiatrie, Psychologie u. ihren Grenzgeb.
Heft 28), Berlin 1925; er betont besonders die Verbundenheit von Person und Mittei-
lungsinhalt in der ursprünglichen Auffassung (vgl. auch von demselben Verfasser:
Über Suggestion und Suggestibilität, im Schweizer Archiv für Neurologie und Psychia-
trie, Bd. 20, S.23—43. Zürich 1927). — Über Beeinflussung organischer Prozesse:
Danzel, Magie und Geheimwissenschaft, Stuttgart 1924. A. Maeder in der
Z. f. d. ges. Neurologie und Psychiatrie, Bd. 82, S. 176 f. und in der Schweizer
Medizin. Wochenschrift 1924 (54. Jahrg.) Heft 21. — Über Suggestion in der frühen
Kindheit: W. Stern, Psvcohologie der frühen Kindheit. S. 298 f