Individuum und Umwelt.
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genossen richtet, deswegen nicht im Sinne des modernen Individualis-
mus als eine Sinnlosigkeit, sondern in einem kollektiven Verantwort-
lichkeitsbewußtsein als etwas Gebührendes auffassen. Jede Schulklasse
fühlte sich in früheren Zeiten ähnlich solidarisch, jeder Stamm bei den
Naturvölkern benimmt sich so gegen andere Stämme. Man denke an eine
moderne Nation im Kriege, wie hier jeder innerlich beteiligt, mit an-
gegriffen und mit kämpfend sich findet, wofür die charakteristische
Sprachform benugßt wird, daß von den kriegerischen und politischen
Schicksalen des Volksganzen unter Verwendung der Formel „wir“ ge-
sprochen wird. Überhaupt ist die häufige Handhabung dieses Ausdrucks
im Munde von Gruppenangehörigen lehrreich: überall, wo sich diese
Formel bei Dienern und Angestellten findet, bezeugt sie, daß das Ver-
hältnis zum Geschäft oder Institut mehr als ein bloßes Geschäftsverhält-
nis ist. — Lehrreich ist auch, wie der Verlust naher Angehöriger erlebt
wird. Wer seinen Lebensgefährten verloren hat, dem ist zumute, als
ob ihm die Hälfte seines Ich abhanden gekommen wäre, oder genauer
gesagt: es ist ihm ähnlich zumute, wie wenn er etwa seinen halben Leib
eingebüßt hätte; denn er fühlt tatsächlich sein Ich auf die Hälfte ein-
geschrumpft. Umgekehrt hängt die beglückende Wirkung, die normaler-
weise von der Geburt eines Kindes ausgeht, eng zusammen mit der
Stärkung und Bereicherung des Ich (genauer gesagt des „Familienich“‘),
die von dieser Vermehrung der zugehörigen Gruppe ausgeht. Und das
Unglück, das die Kinderlosigkeit normalerweise bedeutet, beruht legt-
hin darauf, daß sie dauernd zu einer gewissen Enge und Armut des Ich-
hewußtseins verurteilt. Der Geburtenrückgang wird von einem Volke
als ein nationales Unglück aus einem ganz entsprechenden Grunde emp-
funden, indem hier an der Stelle des persönlichen Ich das „Gruppen-
ich‘ des Volkes das erleidende Subjekt ist.
Auch von gewissen Besitztümern von kollektiver Be-
deutung gilt dasselbe, nämlich von allen denen, die bei den Natur-
völkern zu den Stammeseigentümlichkeiten gehören. Alle diese dienen
zur Unterscheidung und Abhebung von anderen Stämmen und ver-
wachsen so mit dem Selbstgefühl, das jeden Stammesgenossen den
Fremden gegenüber beseelt. Waffen und Schmuck, sowohl angehängter
Schmuck wie Leibesschmuck, begegnen uns unter diesem Gesichtspunkt
nochmals. Wenn bei Indianern Brasiliens die Durchbohrung der Nasen-
scheidewand oder die Existenz eines kleinen Loches in der Unterlippe
als Merkmal gilt, an dem die Stammeszugehörigkeit festgestellt werden
kann, so liegt es auf der Hand, welche Wichtigkeit diese Eigenschaften
für ihre Träger besigen müssen. Aber auch von den abstrakten Ge-
bilden der Sitte gilt das Entsprechende: jede Sitte, durch die sich die
Angehörigen eines Stammes von denen anderer Stämme unterscheiden.