Individuum und Umwelt.
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Aktualisierung je nach dem jeweiligen Zusammenhang. Wenn einem
Vater sein Kind von andern getadelt wird, so erstreckt sich sein Ich in
sein Kind hinein; wenn er es aber selbst tadelt, zieht sich sein Ich aus
ihm zurück. Der gleiche Unterschied tritt auf/ wenn ein Kind von einem
fremden Kinde und wenn es von seinen eigenen Geschwistern geprügelt
wird. Es macht also einen entscheidenden Unterschied aus, ob eine Ein-
wirkung ausgeht von einer Person, die sich außerhalb des Bereiches des
erweiterten Ichbewußtseins, oder von einer solchen, die sich innerhalb
des legteren befindet. Nach außen hin fühlt man sich solidarisch, falls
ein Glied der vom Ichbewußtsein mitumfaßten Gruppe von außen eine
feindliche Einwirkung erfährt. ‘Dieses Einheitsbewußtsein schließt aber
nicht aus, daß im Innern der Gruppe Reibungen und Kämpfe auftreten
können, bei denen sowohl die streitenden Partner wie auch die zu-
schauenden Gruppengenossen ihr Ichbewußtsein auf ihre eigene Per-
son beschlossen halten. Genauer betrachtet handelt es sich hierbei frei-
lich um einen Gegensag zwischen einer aktualisierten und einer ruhenden
Gesinnung, einer Disposition und einem in ihr wurzelnden tatsächlichen
Verhalten. Die Beziehungen der Zugehörigkeit und Verbundenheit, die
das Ich gewissen Gegenständen gegenüber besigt, sind Dauerbeziehungen.
Sie sind solche in objektiver Hinsicht und werden auch als solche auf-
gefaßt. Sie tragen (gleich den Gesinnungen) einen dispositionellen Cha-
rakter und werden nur gelegentlich als Bewußtsein der Zugehörigkeit
aktualisiert; während der übrigen Zeit sind sie aber ebenfalls keine
bloßen Möglichkeiten, sondern je nach den Umständen wirksam in der
Ausdruckshaltung, im Verhalten und in der Stärkung des Bewußtseins
($ 16, 3). Bei Differenzen von der angedeuteten Art, bei denen sich das
aktualisierte Bewußtsein auf den Partner zurückzieht, verbleibt die dis-
positionelle Verbundenheit in der eben angegebenen Weise doch noch
mehr oder weniger wirksam.
Was ferner den dritten Irrtum anlangt, so gibt es verschiedene
Grade der Zugehörigkeit zum Ich. So sind alle passiven Erlebnisse eines
Menschen viel weniger mit seinem Ich verwachsen als sein Cha-
rakter; so gibt es kränkende Worte, die die Seele nur am Rande streifen,
und andere, die sie im Kern treffen. Das eigene Erleben also grenzt sich
gegen das Fremderleben nicht mit einer scharfen Linie, sondern in Ge-
stalt einer verwachsenen Übergangszone ab. Im ganzen gilt: die ver-
schiedenen Inhalte des Ichbewußtseins lagern sich in konzentrischen
Kreisen um einen engsten Kern herum. Das Ichbewußtsein umfaßt mehr
oder weniger von diesen Inhalten, je nachdem zwischen den inneren und
äußeren Teilen Übereinstimmung oder aber Verschiedenheit, Gegensatz
und Zwist herrscht. Es umfaßt jedesmal den gesamten Inhalt, der dem
Fremden entzegengesett wird oder sich von ihm unterscheidet.