144 Die sozialen Anlagen des Menschen und das Wesen der Gesellschaft.
3. Am nachdrücklichsten widerlegt wird die Anschauung, das Ich
stehe der ganzen übrigen Welt fremd gegenüber, durch diejenigen Er-
lebnisse, in denen sich mehrere Personen in derselben Weise
zu einem Ganzen verknüpft fühlen, wie die einzelne Person von sich aus
mit andern Sozialwesen zu einer Einheit sich verknüpft fühlen kann.
Sprachlich wird dieser Zustand ausgedrückt durch das Wort „Wir“; an-
zemessen verwendet bringt dieses Wort ein spezifisches Erlebnis zum
Ausdruck, ebenso wie es soeben von dem Worte „Mein“ und früher
{$ 17) von den Wörtern „Du“ und „Er“ festgestellt wurde. Das „Wir-
bewußtsein‘“, das hier gemeint ist, ist ein ebenso eigenartiger und nicht
weiter auflösbarer Zustand wie das Ichbewußtsein. Die „intentionale
Scheidewand“ zwischen den verschiedenen beteiligten Personen ist hier
überall niedergelegt, an ihrer Stelle besteht ein eigenartiger Einheits-
zustand. Er umfaßt viel mehr als dasjenige Zusammenklingen der Seelen,
das bei jedem seelischen Kontakt, bei jedem Vorgang der Mitteilung
wesenhaft auftritt ($ 14,,). Denn dort erfassen und durchdringen sich
wohl die verschiedenen Personen in einem einheitlichen Erlebnis, blei-
ben aber als Personen, d. h. mit ihrem Ichbewußtsein, voneinander ge-
trennt. Hier aber ist das Ichbewußtsein selbst beteiligt: es tritt
zurück oder schwindet ganz, und an seine Stelle tritt ein Einheitsbewußt-
sein, das sich nicht nur auf den Akt bezieht, sondern die darin tätigen
Personen als solche zu einer Einheit zusammenklingen läßt. Ein solches
„Wirbewußtsein‘“ kann z. B. eintreten, wenn ein Kollegium sich ein-
mütig zusammenfindet in einer Abwehrstellung gegenüber einer Kritik
des Publikums oder einem Tadel oder einer Maßregel seines Vorge-
segten, ebenso bei einer Truppe, die etwa eine Schlacht gewonnen hat
und ihren Sieg genießt. Massenversammlungen und Festlichkeiten einer
Gruppe, bei denen eine gleiche Stimmung in gleicher Weise zum Aus-
Aruck gebracht wird wie in einer von der gleichen religiösen Stimmung
tief ergriffenen kultlichen Versammlung einer Gemeinde, können eben-
falls hierher gehören; ebenso die Angehörigen einer Familie, die sich
auf ihre Eigenart besinnt, oder Mitglieder einer Nation, die deren be-
sondere Werte lebhaft empfinden. Immer handelt es sich dabei um eine
spezifische Wesenseinheit, bei der das Ichbewußtsein ausgelöscht er-
scheint und die beteiligten Personen mit ihrem Bewußtsein in einem
Strom einherfließen.
Über die symptomatische Bedeutung des Wirbewußtseins für die Existenz der
Gemeinschaft und seine Beschränkung auf diese s. u. $ 18. Es sei schon hier vor
dem Irrtum gewarnt, als ob einzelne Erlebnisse als solche ein Wirbewußtsein zu er-
zeugen vermöchten; in Wirklichkeit gehört dazu stets eine enge Beziehung der be-
teiligten Personen zu einander, die freilich unter Umständen durch ein einzelnes Er-
lebnis ausgelöst oder durch eine tiefwirkende Situation hervorgerufen werden kann.