Individuum und Umwelt.
143
4. Alle Fähigkeit zu wirken und mitzureißen beruht auf einer solchen
Expansion des Ich. Nur wer in der Sache lebt, kann andere begeistern.
Alle historischen Leistungen der Herrscher und Feldherrn wie der Ge-
lehrten und Heiligen haben- ein solches erweitertes Ich zur Voraus-
segung; und die historische Betrachtung hat es durchweg nicht mit dem
nackten Ich, sondern stets mit einem erweiterten Ich zu tun. Die Macht
einer herrschenden Klasse oder sonstigen Teilgruppe beruht mit darauf,
daß sie mehr als die übrigen im Ganzen lebt. Auch die Bedeutung der
Monarchie ist wesentlich in der erhöhten Möglichkeit eines solchen Ver-
haltens begründet. So sehen wir eine Gestalt wie Friedrich den Großen
aufs engste mit dem Staat yerwachsen: „Der steht über ihm, er betet
ihn beinah an; in seinem harten Dienste wird Friedrich von allen Schlak-
ken persönlicher Wünsche gereinigt und segt sich ihm gleich. Es ist
sein Staat; jener, so hoch er über dem sterblichen Einzelnen schwebt,
gewinnt dennoch in ihm Fleisch und Blut, der Mann und die Sache sind
in Wahrheit eins“). Eine populäre Meinung führt die großen Leistun-
gen in erster Linie auf den Ehrgeiz zurück und damit auf ein Ich, das
nicht in der Sache, sondern in sich selbst lebt. Eine genauere Betrach-
tung zeigt jedoch sofort den Unterschied zwischen dem nur ehrgeizigen
und dem wirklich für die Sache lebenden Menschen, von denen nur der
legtere mehr als vorübergehende Erfolge erzielt. Eher könnte man dar-
auf hinweisen, daß der moderne Kapitalismus im Erwerbstrieb ein
Werkzeug gefunden hat, große Leistungen aus rein egoistischem Inter-
esse hervorzubringen. Tatsächlich kann aber auch hier die seelische Moti-
vation reicher und insbesondere bei den großen Unternehmern ein Wille
vorhanden sein, sich dem Werk unterzuordnen ($ 5.,).
5. Mit den eben erörterten Tatsachen hängen gewisse Wider-
sprüche in der Abgrenzung des Begriffs des Egoismus zu-
sammen. Sie beruhen in der Hauptsache darauf, daß der populäre
Sprachgebrauch einerseits das Ich (Ego) auf die eigene Person ein-
schränkt und anderseits doch bei gewissen Verwendungen des Wortes
Egoismus über diese Grenzen hinausgeht, während für gewöhnlich jede
über die eigene Person hinausgehende Fürsorge als Altruismus und da-
mit als Gegenteil des Egoismus bezeichnet wird. So spricht man von
einem Mutteregoismus, wo doch nach dem populären Sprachgebrauch
eine eminent altruistische Gesinnung vorliegt; man bezeichnet ferner
das Verhalten eines Künstlers als egoistisch, wenn er sein Werk seiner
Familie voranstellt, und im umgekehrten Falle als altruistisch, während
doch in beiden Fällen das Ziel der Tätigkeit gleicherweise über die eigene
N Erich Marcks. Männer und Zeiten I. 184.
Vierkandt. Gesellschaftslehre