Full text: Gesellschaftslehre

146 Die sozialen. Anlagen des Menschen und das Wesen der Gesellschaft. 
Person hinausgeht. Und den bekannten Anschauungen, daß die Für- 
sorge für andere Menschen oder über- oder unpersönliche Gegenstände 
eigentlich auch Egoismus sei, liegt unbewußt ebenfalls eine Ausdehnung 
des „ego‘“ zugrunde, die genau betrachtet den Satz fast zu einer Tauto- 
logie macht. Ein folgerichtiger Sprachgebrauch ist nur möglich, wenn 
man sich jedesmal die dabei gemeinte Abgrenzung des Ich zum Be- 
wußtsein bringt. In diesem Sinne kann man z. B. von einem Familien- 
egoismus, Werkegoismus, einem nationalen Egoismus sprechen. Viel- 
leicht ist es dabei besser, angesichts der eingewurzelten Vorstellung, daß 
das Ich die Grenzen der Person nicht überschreitet, für die neue Auf- 
fassung auch neue Wörter einzuführen und zwischen einer Eigenfürsorge 
und Fremdfürsorge zu unterscheiden, denn in dem Worte „eigen“ ist 
die Verschiebbarkeit der Grenzen deutlicher ausgesprochen als im Worte 
ego: der Relationscharakter des Begriffs kommt hier ungehinderter zum 
Ausdruck. Je nach dem inneren Verhalten kann die Handlung unter 
jeden von beiden Begriffen fallen, die Fürsorge eines Vaters für seine 
Kinder z. B. kann Eigenfürsorge oder Fremdfürsorge sein, je nachdem 
er sich mit ihnen innerlich verbunden fühlt oder in ihnen nur einen 
Gegenstand seiner Pflicht erblickt. — Bei der moralischen Bewertung 
der Handlungen würde man ferner zwischen berechtigter und unbe- 
cechtigter Fürsorge zu unterscheiden ‚haben. 
Noch ein Wort über die populäre Altruismusmoral, nach der 
die ganze Sittlichkeit darin besteht, den Egoismus zu bekämpfen und den 
Altruismus zu fördern. Abgesehen von den Bedenken, die sich gegen 
ihre positive Formulierung erheben, übersieht sie in ihrem negativen 
Teil vollständig die wechselnden Grenzen des ego und des alter. Der 
ego des Staatsmannes und auch des schaffenden Künstlers hat einen ganz 
anderen Inhalt als der des Genußkünstlers oder des rücksichtslosen 
Erwerbsmenschen. Auf diesen Inhalt aber kommt es für die sittliche Be- 
urteilung wesentlich an. Keine gesunde Moral verlangt vom ego des 
schaffenden Menschen blinde Aufopferung gegenüber dem alter des 
[dioten. Der wesentliche Gegensag ist der zwischen einem wertarmen 
und einem wertreichen Leben. Man stelle z. B. nebeneinander und 
vergleiche auf den sittlichen Gehalt ihres Strebens hin den Unternehmer, 
der für sein Werk lebt (das seinerseits maximalen Profit abwerfen, 
seltener einem sachlichen Interesse dienen soll); den Familienmenschen, 
dem seine Familie das Höchste ist; den chauvinistischen Patrioten, der 
Macht und Ehre seiner Nation um ihrer selbst willen erstrebt; und 
endlich den Patrioten im Stile Fichtes, der seiner Nation Macht wünscht 
wegen ihrer spezifischen Vorzüge und deren mit dem Machtwachstum 
verbundener Ausbreitung in der Welt. Man sieht dann, wie der sittliche 
Gehalt zu einem Teil von der Größe des Gemeinschaftskreises abhängt,
	        
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