Full text: Gesellschaftslehre

Die Ausdruckstätigkeit. 
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persönlichen Beziehungen zugunsten der rein „sachlichen“ zum größten 
Teil vertrocknet sind ($ 20, »). 
Über die innere Verbundenheit beim Ausdruck 8. $ 14,,. 
sg 
Erlebnisse, Stimmungen und Absichten der Genossen tun sich bei dem normalen 
engen Kontakt des typischen Gruppenlebens vielfach in der gleichen Weise kund. 
Wenn ein Bericht über einen eingeborenen Stamm in Neu-Guinea den beteiligten 
Personen eine „feine Witterung“ für keimenden Ehebruch zuschreibt!), so darf 
man darin etwas Typisches erblicken. Nur unter dieser Voraussegung ist die bekannte 
Tatsache zu verstehen, daß die Eingeborenen den Traumerlebnissen durchweg Realität 
zuschreiben: wer einem andern im Traum irgendwie zu nahegetreten ist durch Be- 
leidigung, Aneignung von Gegenständen oder Absichten auf seine Ehefrau, muß da- 
für eine Buße leisten ähnlich wie beim realen Erlebnis. Wie wäre das anders denk- 
bar als durch die Annahme, daß der Traum hier Eindrücke des wachen Lebens fort- 
spinnt, wobei im Wachzustand die gegenseitige enge Fühlung auf dem angegebenen 
Wege derartige Absichten bereits vor ihrer Verwirklichung zu spüren vermag. 
Indem die Ausdruckssymptome so wie ein feines Fluidum von je- 
dem Menschen ausstrahlen und von seiner Umgebung verarbeitet und 
zurückgeworfen werden, bilden sie für das gesellschaftliche Leben einen 
Regulator von unübertrefflicher Präzision. Wir haben es hier mit einem 
untersprachlichen Verkehr von der größten Feinheit und Leistungsfähig- 
keit zu tun, bei dem die inneren Verfassungen der Einzelnen mit ihren 
Eigenschaften, Zuständen und Kräften einen zarten Widerschein werfen, 
der wie ein Ball im Kreise herumwandert. Statt der realen Kräfte der 
Persönlichkeiten werden ihre bloßen Symbole in den Verkehr gebracht, 
ähnlich wie man das Metallgeld durch Papier ersegen kann; und die 
Anwendung von Gewalt und anderen realen Machtmitteln wird dadurch 
überflüssie gemacht. 
3. Den natürlichen Ausdrucksmitteln treten nun 
die erworbenen oder historischen gegenüber. Vor allem kann 
die Sprache in den Dienst dieser Ausdruckstätigkeit treten. Mit einem 
treffenden Wort sagen wir von einem Menschen, daß er sich ausspricht 
oder sein Herz ausschüttet, wenn seine Reden keinerlei weiteren Zweck 
verfolgen. Allerdings segt diese Form der Ausdruckstätigkeit regulärer- 
weise einen Partner voraus. Däs laute Selbstgespräch besitgt bekanntlich 
einen einigermaßen abnormen Charakter. Anders ist es mit dem Singen 
und der schriftlichen Aussprache des Innern; endlich auch mit mancher- 
lei primitiven Zeichnungen bei den Naturvölkern. Hier kann auch der 
Einzelne oder Einsame sich aussprechen. Sehr wichtig sind sodann ge- 
wisse kollektive Formen der Ausdruckstätigkeit; zunächst die Wechsel- 
rede, in der jeder der Resonanz des anderen sich vergewissert und da- 
1) Neuhauss. Deutsch-Neu-Guinea. III. 86.
	        
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