Full text: Gesellschaftslehre

152 Die sozialen Anlagen des Menschen und Ans Wesen der Gesellschaft. 
durch erleichtert wird und Trost findet, sodann aber alle gemeinschaft- 
lichen Aktionen, vor allem der Tanz und der Gesang; beides namentlich 
auf tieferen Stufen. Soweit hierbei Gemütsbewegungen in Betracht kom- 
men, werden sie zunächst dadurch, daß jeder seine Stimmung im Ver- 
halten des anderen gespiegelt findet, gesteigert, schließlich aber doch bei 
fortgeseäter Dauer zum Abfluß gebracht. 
Die hier gemeinte „Ausdruckstätigkeit“ ist von dem, was wir früher 
unter demselben Wort verstanden haben, vor allem dadurch verschieden, 
daß sie in der Form einer „Mitteilung“ auftritt, also die Funktion einer 
symbolischen Darstellung eines Sachverhaltes in sich ent- 
hält. Von anderen Mitteilungen ist sie anderseits dadurch unterschieden, 
daß der Akt der Mitteilung bei ihr Selbstzweck ist und nicht 
Mittel zu einem andern Zweck, nämlich einer Einwirkung auf den Ge- 
nossen: dadurch unterscheidet sich diese „Ausdruckstätigkeit‘“ von der 
„Zwecktätigkeit‘“. Wer z. B. durch ein Gespräch Jemanden zu einer 
Handlung bestimmen will, ist zwecktätig; wer dabei lediglich sein Herz 
erleichtern will, ist ausdruckstätig?). 
4. Bei genauerer Betrachtung ist bei dieser „Ausdruckstätigkeit“ 
freilich zu unterscheiden zwischen dem Ausdruck (im Sinne der 
„Aussprache“) und der Mitteilung, wobei die Grenzen allerdings 
fließend sind. Wenn z. B. jemand die Ursache seines Kummers erzählt, 
so spricht er sich aus. Berichtet er aber über ein ihm widerfahrenes Ge- 
schehnis, so teilt er sich mit. Über Gemütszustände spricht man sich also 
aus, während man Tatsachen mitteilt. Im einen Fall ist der Gegenstand 
der Äußerung das eigne Ich und sein Zustand, im andern Falle etwas 
Objektives; im einen Falle will man sich befreien, im andern dem An- 
dern einen Inhalt übergeben. Doch muß man dabei bedenken, daß im 
naiven Bewußtsein beide Haltungen typischerweise wenig gesondert 
sind und eine schärfere Differenzierung erst später Regel wird. Da in 
beiden Fällen das hier gemeinte Verhalten Selbstzweck ist, also rein 
triebhafter Natur, so werden wir demgemäß sowohl von einem Ausdrucks- 
trieb wie von einem Mitteilungstrieb sprechen können. Im Folgenden 
beschäftigen wir uns nur noch mit dem Mitteilungstrieb. Die Stärke 
seiner Wirkung kann man gut an Kindern beobachten: es ist ihnen fast 
unmöglich, irgendeine erlangte Kunde oder einen Plan für sich zu be- 
halten. 
Natürlich kann von unserem Triebe da nicht mehr gesprochen wer- 
den. wo mit der Mitteilung irgend ein weiterer Zweck, wie der der Be- 
1) Vgl. meinen Aufsag über Ausdrucks-, Spiel- und Zwecktätigkeit in der Zeit- 
schrift für Geisteswissenschaften. Band I (einziger Band) 1913.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.