Full text: Gesellschaftslehre

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eine Tendenz des Menschen, seinen inneren Zustand zu objekti- 
vieren. Von der bloßen Ausdruckstätigkeit unterscheidet sich dieses 
Verhalten durch den Hinzutritt eines weiteren Gliedes, nämlich eines 
materiellen Gebildes, das zum Träger des Ausdrucks wird. Hierhin ge- 
hört jegliches Bearbeiten und Gestalten irgendwelcher körperlicher Ge- 
genstände, durch das ein innerer Zustand zum Ausdruck kommt, natür- 
lich ohne daß eine weiterreichende Zwecktätigkeit damit verbunden wäre. 
Wie unausrottbar ist z. B. die Gepflogenheit, Wände und Mauern an 
manchen Örtlichkeiten mit dem hingekrigelten oder eingeschnittenen 
eigenen Namen zu bedecken. Wie oft gewahren wir im Seebade im Sande 
Schriftzüge von gleichem Inhalt.- Karl von den Steinen fand einmal bei 
den Bakairis in menschenleerer Gegend einen Fisch im Sande gezeichnet 
und erblickte darin eine Mitteilung für etwaige nachkommende Stam- 
mesgenossen, daß hier Fische zu fangen wären. Mit Recht bemerkt ein 
anderer Forschungsreisender dazu, daß es sich ebensogut um den bloßen 
Ausdruck der Freude über den glücklichen Fischfang handeln könne. 
In allen Erdteilen finden wir ferner Felszeichnungen primitivster Art 
verbreitet, von Stämmen tieferer Kultur herrührend. Wenigstens bei 
einem großen Teile von ihnen läßt sich kein mit ihrer Herstellung ver- 
bundener Zweck wahrscheinlich machen; und wenn insbesondere in Süd- 
amerika einige von ihnen Masken darstellen, die bei den Tänzen der 
Eingeborenen von größter Bedeutung sind, andere rohe Fischzeichnungen 
bedeuten an Stellen, an denen in der Tat Fische gefangen zu werden 
pflegen, so ist in beiden Fällen der Gedanke der bloßen Ausdruckstätigkeit 
nicht von der Hand zu weisen!). Hierher gehört es auch, wenn wir An- 
denken geliebter Menschen in unseren Schubladen verwahren oder ihre 
Bilder an die Wände unserer Wohnung hängen; ebenso, wenn wir bei 
bestimmten Gelegenheiten ein festliches Gewand anlegen, nicht nur weil 
die Sitte es heischt, sondern zugleich weil wir einen unwiderstehlichen 
Drang dazu verspüren. Australische Stämme pflegen, wenn sie benach- 
barte zu größeren Festlichkeiten einladen, Boten herumzuschicken, die, 
angeblich zu ihrer Legitimation, mit besonderen gekerbten Botenstäben 
versehen sind: in Wirklichkeit wird auch hier mindestens ursprünglich 
eine reine Objektivierungstendenz anzunehmen sein. Besonders deutlich 
ist dies der Fall, wenn bei der Einladung zur Pubertätsfeier der Bote an 
einem langen Stock einen Gürtel trägt, wie ihn der junge Mann nach 
der Reife anlegt?). 
In allen diesen Fällen tritt der zur Objektivierung benußte Gegen- 
1) Karlv. d. Steinen, Unter den Naturvölkern Brasiliens, S. 247. Theo: 
dor Koch-Grünberg, Südamerikanische Felszeichnungen, S. 75. 
2) Langloh-Parker. The Euahlavi tribe. S. 63 und andere Quellen-
	        
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