158 Die sozialen Anlagen des Menschen und das Wesen der Gesellschaft.
Wurzel ist jedenfalls instinktartig, ihre einfachste Form haben wir wahrscheinlich
im Greifen zu erblicken, das sich bekanntlich sehr früh beim
Kinde als starker Instinkt bemerklich macht. Eng verwandt mit unserem
Triebe ist wohl das, was von Psychologen gelegentlich als Sammeltrieb
bezeichnet wird!). Ein solches Sammeln wird sich nicht wahllos jedem
Gegenstande zuwenden, sondern nur solchen, die irgendwie von Wert
sind.
Literatur: Über die Bedeutung der Ausdruckstätigkeit für die Entstehung
jer Kultur vgl. Danzel, Die Anfänge der Schrift, und Karl Schröter, Anfänge
der Kunst im Tierreich und bei den Zwergvölkern. Das erstere Buch belehrt
zugleich an vielen Stellen über die Verbreitung und Bedeutung der Tendenz zur
Dbijektivierung des Innern.
14. Die innere Verbundenheit als Wesen der Gesellschaft.
Inhalt: die Betätigung der sozialen Instinkte bringt durchweg eine spezi-Gsche
innere Verbundenheit der beteiligten Personen mit sich, die von den Zu-;tänden
und Geschehnissen der Körperwelt mit ihrem diskreten Charakter grundverschieden
ist. Insbesondere ist jeder Akt des sozialen Verkehrs, d. h. der Mitteilung
und des von ihm nicht zu trennenden Verständnisses, durch eine solche Verzundenheit
ausgezeichnet, bei der sich Mitteilung und Resonanz, gegenseitiges Geben
and Nehmen untrennbar verschlingen, und so die Erlebnisse beider beteiligten Personen
in eins zusammenfließen. Je nachdem die Gegenstände die hierbei in Frage kommende
Fähigkeit der Resonanz für einen Menschen besigen oder nicht besigen, zerfallen
;ie für ihn in zwei verschiedene Welten: die Sozialwelt und die Sachwelt. Nur auf die
lestere ist die übliche Raum- und Sachlogik der Naturerkenntnis anwendbar, wäh-‚end
die andere einer ganz anderen („geisteswissenschaftlichen“‘) Logik untersteht.
Dabei wird an den Gebilden der Sozialwelt nicht etwa von Haus aus ein Inneres
von einem Äußeren unterschieden, sondern sie werden ursprünglich als psychoohysische
Einheiten erlebt. — In der Entwicklung geht die Entfaltung der Sozialwelt
derjenigen der Sachwelt beim Kinde bei weitem voraus, wobei es jedoch zweifelhaft
bleibt, ob die erste in den Anfängen die einzige Auffassungsform des Kindes
ıbgibt. Auch bei den Naturvölkern dominiert die Sozialwelt bei weitem über die
Sachwelt, ohne daß damit ihre ausschließliche Herrschaft anzuerkennen wäre. Durchweg
umfaßt die Sozialwelt nicht alle Menschen und die Sachwelt nicht alle Körper,
die Grenzlinien kreuzen sich vielmehr.
L-1.
Eine Welt völlig eigenartiger innerer Beziehungen hat sich unseren
Blicken in den vorhergehenden Betrachtungen über die sozialen Anlagen
les Menschen enthüllt. Sie ist unverständlich für die alte individuali-;tische
oder besser gesagt atomistische Auffassung vom Menschen. Darnach
steht der Mensch dem Menschen innerlich völlig abgeschlossen, nämlich
völlig selbständig und innerlich fremd gegenüber. Nur äußere Be-1)
Vgl. Karl Groos, Spiele der Menschen 1. Aufl., S. 124. James spricht
von einem hesonderen Erwerbstrieb (Principles of Psychology II. 422).