164 Die sozialen-Anlagen des Menschen und das Wesen der Gesellschaft.
eine Gesinnung oder. Haltung entwickelt sich nur in Form der Gegenseitigkeit. Und
zwar gilt das nicht nur für den entfalteten Zustand, sondern auch für das erste
Stadium, für das Aufkeimen. Auch hier schafft die Ausdrucksfähigkeit eine unter-
bewußte Fühlung. Als einseitiger Zustand wird eine Gesinnung oder Haltung nur
ausnahmsweise aufkommen. Vielmehr erfolgt in der Regel die Einstellung auf beiden
Seiten mit instinktiver Sicherheit in Fühlung miteinander.
Interessant ist, wie bereits die Sprache die hier betrachtete innere Ver-
bundenheit in einer Menge von Wendungen zum Ausdruck bringt. Ein Mensch kann
„eindringlich“ zu uns sprechen, seine Angriffe können „sigen“, seine Vorwürfe in uns
‚brennen“. Zwei Menschen, die sich einander „nähern“ wollen, „begegnen“ sich in
ihrer Absicht. Ein empfänglicher Mensch besigt ein „aufgeschlossenes‘“ Herz, sein
Herz „geht ihm auf“ bei einer Berührung mit einem verständnisvollen Menschen. —
Diese naive Auffassung des Soziallebens, wie sie aus solchen Wendungen spricht, steht
an Einsicht hoch über dem Positivismus, der in Wissenschaft und Leben noch heute
weit verbreitet ist und nur Beziehungen nach Art der Raumlogik zwischen den
Menschen kennt. Man sieht, Erkenntnisse, die das vorwissenschaftliche Denken bereits
besigt, können in der Entwicklung der Wissenschaft auch verloren gehen. — Es
geht auch nicht an, die angeführten Wendungen für bloße Bilder aufzufassen und
ihnen dadurch ihren Erkenntniswert zu nehmen. Bilder würden ein Bewußtsein der
Ähnlichkeit zwischen beiden Sachverhalten voraussegen. Besteht aber ein Verständ-
nis für eine solche Ähnlichkeit, so bedarf es nicht erst des Bildes. Natürlich ist
diese Erkenntnis nicht als eine ausdrücklich formulierte Einsicht gemeint. Sie ist
vielmehr in demselben Sinne zu verstehen, in dem man von Shakespeare sagen
kann, er wußte bereits von dem Tatbestand der Verdrängung, wenn er im Macbeth
die Ehefrau des Helden im Traume sich von ihrem Gewissensdruck durch ihre Worte
efreien läßt. Die Erkenntnis ist natürlich nicht in expliziter, sondern impliziter
Form vorhanden: sie ist in die komplexe Gesamtauffassung eingeschmolzen. Die
innere Verbundenheit wird „intuitiv“ erfaßt und diese Auffassung eingewohen in das
Bild, das die Sprache von dem jeweiligen Sachverhalt gibt.
Jede Mitteilung enthält also nach dem Gesagten zwei Seiten in sich
vereinigt, eine objektive und eine subjektive, nämlich einen dargestellten
[nhalt und eine Kundgabe der Persönlichkeit, d. h. einerseits etwas
SZeistiges und anderseits etwas Seelisches. Wie die suggestive Beeinflussung auf dieser
Verbindung beruht, und zwar auf einem Überwiegen des persönlichen Faktors über
den sachlichen in der Wirkung auf den Partner (sodaß lediglich der persönliche
Eindruck über Annahme oder Ablehnung entscheidet), haben wir oben gesehen
($ 11,3). Ein Gegenstück dazu werden wir später kennen lernen in Gestalt der
innerlich annähernden Wirkung, die von einer Übereinstimmung der Inhalte (der
Anschauungen, Stimmungen usw.) ausgeht, wobei die objektive Verbundenheit ver-
möge der Einheit des Ganzen auch eine subjektive gleichsam mit sich bringt ($ 20, 3).
— Beide Seiten der Mitteilung bilden, wie gesagt, ursprünglich eine Einheit. Bei
weiterer Entwicklung kann jedoch eine von ihnen zurücktreten oder ganz fehlen: es
kann die seelische Seite fortfallen, wobei ein rein „sachliches“ Verhältnis übrig bleibt
($ 20,,)- Es kann anderseits der Inhalt der Mitteilung zur Bedeutungslosigkeit zu-
sammenschrumpfen und das Gespräch doch als „Verbindungsgespräch“ seine subjektive
Bedeutung erhalten ($ 20, 2).
Mit dem bisherigen Überblick haben wir die Fülle der einzelnen Formen der
inneren Verbindung nicht erschöpft. Insbesondere ist hier von einem Typus
zänzlich abgesehen, der uns erst später ($ 20,,) näher beschäftigen soll. Bei
diesem bedeutet die Verbundenheit nicht eine unmittelbare Nähe der Personen zu-
einander. sondern ein eigentümliches Verflochtensein ihrer durch den Sinn eines