172 Die sozialen Anlagen des Menschen und das Wesen der Gesellschaft.
täglichen Geschehen mit der Geisterwelt in Verbindung gebracht wird.
Daneben existiert der viel breitere Bereich des Alltäglichen: ist es wirk-
lich sicher, daß auch hier überall übersinnliche Kräfte gewittert werden?
Soll jeder für einen Hausbau gefällte Baum, jede dafür verwendete Axt,
jeder auf ein Wild abgeschnellte Pfeil wirklich als von übersinnlichen
Kräften getragen erscheinen? Von Todesfällen und Krankheiten, ebenso
von Träumen wird gelegentlich sogar ausdrücklich bezeugt, daß nicht alle
auf übersinnliche Einwirkungen zurückgeführt werden, daß es neben die-
sem Typus vielmehr auch den andern gibt, bei dem lediglich natürliche
Zusammenhänge angenommen werden. — Es besteht in dieser Beziehung
ein einschneidender Unterschied zwischen den primitiven Völkern und
dem Kinde: das biologische Interesse nimmt bei den ersteren einen viel
größeren Raum ein. Dem phantastischen Hineintragen sozialer Be-
ziehungen sind damit viel engere Grenzen gezogen, weil der Kontakt
mit der Wirklichkeit stets aufrecht erhalten werden muß bei Strafe des
Unterganges. Man kann schon daher vermuten, daß es einen Bezirk
zibt. in dem reine Nüsglichkeitsinteressen das Verhalten bestimmen.
Auch eine entwickelungsgeschichtliche Betrachtung drängt zur Ver-
neinung unserer Frage. Die Tiere unterhalten zu ihrer Umgebung ent-
weder ausschließlich biologische Beziehungen oder solche neben den
sozialen Beziehungen. Denn niemand wird etwa von den Affen behaup-
(en wollen, daß sie jeden Gegenstand als resonanzbegabt behandeln. Der
Mensch unserer Kulturstufe ist mit der gleichen Duplicität behaftet.
Sollten die dazwischen liegenden Stufen der niedrigeren Kulturen hier-
von eine Ausnahme machen?
8. Wer gehört zur Gesellschaft und wer gehört zur
Welt der Sachen? Die einfachste Annahme wäre, die Gesellschaft be-
steht aus allen Menschen oder vielleicht sogar aus allen beseelten Wesen,
während die Welt der Sachen sich mit der Körperwelt deckt. Tatsächlich
verlaufen, wie wir schon eben gesehen, die Grenzen jedoch verwickelter.
Auch Menschen können als bloße Werkzeuge und damit als Bestandteile
der Sachwelt auftreten. Vom vollen Gesellschaftscharakter des Men-
schen führt eine Reihe von Abstufungen zu seinem reinen Sachcharakter.
Auch die Sprache weist, wie oben angedeutet, hierauf hin: diejenigen
Verhältnisse, in denen die Menschen in der dritten Person angeredet
werden, enthalten typischerweise eine Eigenschaft in sich, die den Ge-
sellschaftscharakter des Verhältnisses beeinträchtigen und (namentlich
für das Verhalten von oben nach unten hin) den Menschen als der Sach-
welt mehr oder weniger angenähert erscheinen lassen. Besonders der
Fremde kann, wie namentlich gewisse Formen der Sklaverei zeigen, als
bloße Sache behandelt werden. Auch Tiere können sowohl als Haustiere