Full text: Gesellschaftslehre

174 Die sozialen Anlagen des Menschen und das Wesen der Gesellschaft. 
von einander getrennt, sondern gehen mehr in allmählichen Abstufungen 
in einander über. So ist der Gesellschaftscharakter nicht in allen Grup- 
pen gleich stark entwickelt; je geringer der Gemeinschaftsgeist in einer 
Gruppe, je mehr sie den Charakter einer bloßen Gesellschaft (im Sinne 
von Tönnies) besigt, desto schwächer ist der Sozialcharakter, den ihre 
Mitglieder für einander haben. Entsprechend kann an körperlichen Ge- 
bilden der objektive Geist stärker oder schwächer entfaltet sein. Unsere 
moderne Kultur mit ihrer ausgesprochnen „Sachlichkeit“, ihrem einsel- 
ıigen Zweckrationalismus hat es in dieser Beziehung zu einem Maximum 
von Sachcharakter sowohl den Menschen wie den Körpern gegenüber ge- 
bracht. 
9, Im vorhergehenden haben wir eine bestimmte Auffassung vom 
Wesen der Gesellschaft und damit einen bestimmten Begriff der 
Gesellschaft entwickelt. Wir haben unter der Gesellschaft eine 
Vereinigung von Menschen verstanden, die sich in dem von uns zerglie- 
lerten Zustand innerer Verbundenheit befinden. Das Wesen der Ge- 
sellschaft erblicken wir also in eben dieser Verbundenheit. Derselbe 
Gedanke hat im Grunde schon jener Auffassung vorgeschwebt, die das 
Charakteristische der Gesellschaft in der Wechselwirkung 
zwischen den in ihr vorhandenen Individuen erblickt. Es kommt dabei 
freilich darauf an, was man unter Wechselwirkung versteht. Meint man 
damit lediglich die Gegenseitigkeit der Beeinflussungen zwischen zwei 
Individuen oder in einem größeren Kreise solcher, so würde darin allein 
noch kein Hinweis auf jene Verbundenheit enthalten sein. Ebensowenig 
wäre das der Fall, wenn man bei der Wechselwirkung lediglich an die 
mit der gegenseitigen. Beeinflussung typischerweise verbundene Steige- 
rung der Affekte bei vorhandenen Gemütsbewegungen denken wollte. 
{n dem Verhältnis zwischen dem Hund und dem von ihm verfolgten 
Hasen bestehen in der Tat Wechselwirkungen sowohl im ersten wie im 
zweiten Sinne, ohne daß eine gesellschaftliche Beziehung in unserem 
Sinne vorhanden wäre. Anders wenn man an jene spezifischen Beein- 
Aussungen denkt, wie sie bei den Vorgängen des Ausdrucks und des Ver- 
ständnisses zwischen beiden Partnern stattfinden und das Erlebnis des 
einen in seiner ganzen Beschaffenheit von demjenigen des andern ab- 
hängig machen. Denn Wechselwirkungen dieser Art enthalten in der 
Tat, wie vorhin ausgeführt, die in Rede stehende innere Verbundenheit 
in sich. Zu einer klaren Vorstellung des Sachverhalts konnte aber die 
alte Lehre von den Wechselwirkungen solange nicht kommen, als ihr 
nicht das Mittel der phänomenologischen Zergliederung zur Verfügung 
stand. 
Übrigens weist der populäre Sprachgebrauch hinsichtlich der Bedeutung des
	        
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