Full text : Gesellschaftslehre

Das Wesen der Gesellschaft.

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einzelnen Akten in betonter Weise zum Bewußtsein zu kommen braucht, wohl aber
unbeachtet oder unbemerkt fortgesegt unser Bewußtsein färbt (vgl. $ 18,.).
Wenn wir im Vorstehenden den Begriff der Gesellschaft eingeschränkt haben
auf die Vereinigung solcher Wesen, zwischen denen eine innere Verbundenheit besteht,
 so deckt sich der darin ’fixierte Sprachgebrauch allerdings nicht mit
demjenigen des täglichen Lebens. Zwischen einem Arbeitgeber und seinen Arbeitern
kann ein Verhältnis bestehen, das sich nur auf Anpassung und Nüßglichkeitsbeziehungen
 aufbaut; das Gleiche ist denkbar zwischen einem Sklavenhalter und seinen
Sklaven. Der Sprachgebrauch des täglichen Lebens (und ebenso derjenige der historischen
 und sozialen Wissenschaften) spricht in solchen Fällen freilich auch von
einer Gesellschaft, während nach unserer Ausdrucksweise kein Sozialverhältnis, sondern
 ein Sachverhältnis vorhanden ist. Man muß aber hierbei wohl unterscheiden
zwischen der Benennung und dem Begriff. Ein Gegensag zum täglichen Leben besteht
 nur hinsichtlich des Wortes. Die Begriffe aber, die hüben und drüben mit
diesem Wort gedeckt werden, sind eben zwei verschiedene Begriffe. In der Begriffsbildung
 aber hat jede Wissenschaft selbstverständlich die Aufgabe, unabhängig vom
täglichen Leben (und auch von anderen Disziplinen) nach eigenem Bedürfnis Begriffe
 für Verdichtungen wichtiger Erkenntnisse zu bilden. Nur über die Zweckmäßigkeit
 der Benennung kann eine Meinungsverschiedenheit bestehen. In der Tat
haben wir im Vorstehenden auch vorgezogen, von Sozialleben und Sozialwelt statt
von Gesellschaft zu sprechen.
Literatur: Zum erstenmal hat Tarde in seinem Buch: Les lois de Vimitation
 den Gedanken der inneren Verbundenheit für den einen besonderen Vorgang
 des triebhaften Gehorsams und der damit eng verbundenen Nachahmung der
Persönlichkeit in einer dem heutigen phänomenologischen Verfahren nahe kommenden
 Zergliederung durchgeführt. Nahe kommt unserem Gedanken auch Durkheim,
Les formes €Elementaires de la vie religieuse, S. 300 flg. (S. 298% heißt es: das
Problem der Soziologie bilden die verschiedenen Formen der „moralischen Macht“.)
Vergl. auch Desselben Methode der Soziologie. Leipzig 1908. Sehr nachdrücklich
betont Othmar Spann in seiner Gesellschaftslehre jene Verbundenheit. Er zergliedert
 das Verhältnis jedoch nicht weiter phänomenologisch und konnte dadurch zu
einer Auffassung vom Wesen der „Ganzheit‘“ (d. h. der Gruppe) kommen, die von
jenem Standpunkt aus als ausgeschlossen erscheint. — Über Ich und Du, über Ausdruck
 und Verstehen Theodor Litt, Individuum und Gemeinschaft. Über anschauliche
 Gegebenheit der menschlichen (psychophysischen) Persönlichkeit Max
Scheler, Wesen und Formen der Sympathie, S. 269 flg., ferner Buivtendvk und
Plessner im Philosophischen Anzeiger I. 72.

15. Die Neigung zur Geselligkeit.

Inhalt: Die Neigung zur Geselligkeit beruht zunächst auf den äußeren und
seelischen Förderungen, die der Mensch aus den Wechselwirkungen mit seiner Umgebung
 erfährt. Als legster Grund ist jedoch ein eigentlicher Geselligkeitsinstinkt anzunehmen,
 der in seiner stärksten Ausprägung genauer als Gemeinschaftsdrang zu bezeichnen
 ist. Neben einer kollektiven Form des Triebes (insbesondre einer Anlage
zum Gemeinschaftsleben in der Gruppe im Sinne von $ 27) ist eine individualisierte
oder differenzierte zu unterscheiden, bei der die Triebbefriedigung durch die besonderen
 persönlichen Eigenschaften bestimmt wird. Ein gesteigerter individualisierter Geselligkeitstrieb
 ist insbesondere immanent verbunden mit dem erotischen Trieb. —
Das Gegenteil des Geselligkeitstriebes bildet ein wenig erforschter Trieb des Meidens.

Vierkandt. Gesellschaftslehre
            
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