Full text: Gesellschaftslehre

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täubung, durch fieberhafte Tätigkeit und durch die Neigung zu allerlei 
Formen krankhaft verzerrten Tuns, hat eine ihrer tiefsten Wurzeln in 
dieser unbefriedigten Sehnsucht nach Gemeinschaft. Der menschliche 
Geselligkeitstrieb ist eben’nicht auf ein bloßes Beieinandersein und die 
damit gegebene oberflächliche Verbindung, sondern darauf gerichtet, 
alle Seiten der sozialen Natur des Menschen — alle seine sozialen An- 
lagen, wie sie in diesem Kapitel im Überblick betrachtet wurden, zur 
vollen Entfaltung zu bringen, was nur in der Gruppengemeinschaft mög- 
lich ist. — Dem Gemeinschaftsdrang gegenüber wird die leichtere, mehr 
oberflächliche Form des Geselligkeitstriebes schon durch vorübergehende 
Beziehungen von weniger tiefer Art befriedigt, also durch jede Ge- 
selligkeit, die Selbstzweck ist, ohne daß ein Gemeinschaftsverhältnis 
unter den Teilnehmern besteht. Hierhin gehört der Stammtisch, der ge- 
sellige Anschluß auf Reisen, und die Vereinigung in der Kneipe, die 
z. B. die „Budenfurcht‘“ den Studenten aufsuchen läßt. 
Anderseits können wir nach dem Grad der persönlichen Auswahl 
wiederum zwei Formen des Geselligkeitstriebes unterscheiden (wobei 
sich die neue Einteilung mit der vorigen kreuzt), nämlich den diffe- 
renzierten und den (relativ) undifferenzierten Trieb. 
Im ersten Fall handelt es sich um eine individualisierte Form des Ge- 
selligkeitstriebes, im legteren Fall um das, was man wohl auch Herden- 
trieb und Herdensinn nennt. Auf ihm beruht z. B. die Neigung, lieber 
in einer Bibliothek als in einer einsamen Stube zu arbeiten, sich bei 
Spaziergängen oder Ausflügen selbst als einzelner lieber unter eine Masse 
zu begeben als die Einsamkeit aufzusuchen, sich ebenso lieber in eine 
besuchte als in eine leere Wirtschaft zu segöen, und ebenso die allgemeine 
menschliche Neigung, die Mahlzeiten gemeinsam einzunehmen; auch die 
Anziehungskraft der Massenlokale wurzelt hierin, sowie diejenige der 
Großstadt für den, der sich seinen Wohnsitg frei wählen kann; und ebenso 
die Abneigung der meisten Menschen, in einem leeren Theater zu sigen. 
Der differenzierte Geselligkeitstrieb wählt sich 
einzelne Personen aus. Er ist begleitet von einer Gesinnung der persön- 
lichen Bewertung und Zuneigung, die man wohl als Sympathie bezeich- 
net; seine stärkeren Grade bilden die Freundschaft und die Liebe. Die 
Gründe für diese Sympathie können historischer oder systematischer Art 
sein: sie können auf Gemeinsamkeit der Schicksale oder auf Gemein- 
samkeit des Wesens beruhen. Der erste Fall ist der häufigste. Gemein- 
same Erlebnisse von größerer Bedeutung verknüpfen durchweg die 
Menschen, namentlich gemeinsame Jugend, gemeinsamer Kampf und 
Arbeiten, überhaupt alle wichtigen und eindrucksvollen Erlebnisse. Sind 
sie erfreulicher Natur gewesen, so strahlen sie gleichsam in der Er- 
innerungz auch auf die Teilnehmer über und begünstigen so deren posi- 
Der Geselligkeitstrieb.
	        
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