Full text : Gesellschaftslehre

190 Die sozialen Anlagen des Menschen und das Wesen der Gesellschaft.

schaft entwickelt haben. Noch mehr sind Interessengegensäge (z. B.
Handelsneid) als sekundäre Ursachen anzusehen.
Begleitet wird der Trieb zum Meiden von einem spezifischen Gefühl
 des Widerwillens, der Abneigung oder der Aversion.
Das Verhalten ist deutlich unterschieden von der Furcht oder den Regungen
 des Kampftriebes, obwohl sich jede der beiden legten Verhaltungsweisen
 leicht mit ihm verbindet. Die Furcht nämlich wird allgemein
leicht durch das Neue und durch das Fremdartige erweckt; die gemiedenen
 Personen und Gruppen aber gehören ebenfalls dem Fremdartigen
an und können so leicht den Eindruck des Gefährlichen erregen. Zum
Kampf reizt anderseits das Widerwärtige, wenn wir uns seiner nicht erwehren
 können. — Die biologische Bedeutung dieses Triebes
haben wir schon oben ($ 13,,) gestreift, als wir von der spezifischen
Abneigung gegen Kranke und von den inneren und äußeren Hemmunzen
 sprachen, die diese der Gruppe bereiten können. Allgemein kann so
unser Instinkt als ein Mittel gelten, sich nachteiliger Elemente zu erwehren.
 Für den persönlichen Umgang, insbesondere in der Großstadt,
hat schon Simmel auf diese Funktion hingewiesen: ohne die Möglichkeit
einer Auswahl und Abwehr zu haben würden wir von einer Fülle störender
 Eindrücke bedrängt werden. — Die obenerwähnte zeitweilige Abneigung
 junger Mädchen gegen Männer will James auf einen besonderen
antisexuellen Instinkt zurückführen. Doch erscheint die Berechtigung zur
Annahme eines besonderen Triebes zweifelhaft; näher würde es liegen,
in zeitweilig verdrängter Sexualität die Hauptquelle dieser Sprödigkeit
 zu suchen.

16. Die soziale Bildsamkeit der menschlichen Seele.

Inhalt: Aus der Tatsache der inneren Verbundenheit ergibt sich, daß die
menschliche Persönlichkeit von der Gesellschaft fortgesegt gemodelt und gestaltet
wird. Dabei sind zwei extreme Auffassungen als verfehlt abzuweisen: einerseits findet
der Einfluß der Umwelt seine Grenzen an der Art der Persönlichkeit (d. h. an der
Individualität) als einem gegebenen Inbegriff. von Anlagen, anderseits wird die Persönlichkeit
 in ihrem Aufbau und ihrer Gestaltung durch die soziale Umgebung bis in
ihre innersten Schichten hinein beeinflußt.

Die eben erörterte Tatsache der inneren Verbundenheit im Sozialleben
 enthält bestimmte Konsequenzen in sich für unsere Auffassung
von der Natur der menschlichen Seele. Die in jener Verbundenheit enthaltene
 Beeinflussbarkeit der Seele ist unvereinbar mit der Vorstellung
einer mehr oder weniger festen angeborenen Natur des Menschen, Sie
nötigt uns vielmehr, dem Menschen bildsame Anlagen zuzuschreiben.
 d. h. Anlagen. die erst unter den Einflüssen des Zusammen-
            
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