Full text: Gesellschaftslehre

Der historische Charakter des menschlichen Seelenlebens. 195 
weist sich nur ein Inbegriff von plastischen Anlagen sowohl von triebhaftem und 
emotionalem wie von vorstellungsmäßigem Charakter. Die jeweils tatsächlichen Trieb- 
richtungen und Auffassungsweisen im Wahrnehmen und Vorstellen der Dinge er- 
weisen sich als historisch bestimmte Modifikationen angeborener Anlagen von all- 
gemeinerem Charakter. 
l. Bei der Beeinflussung der menschlichen Persönlichkeit durch ihre 
Umgebung hatten wir unterschieden zwischen der beeinflußten Form 
und dem beeinflußten Inhalt, zwischen dem „Was‘“ und dem .,Wie“ 
des Verhaltens. Nachdem wir soeben die Beeinflussung der Form be- 
trachtet haben, wenden wir uns jegt zu derjenigen des Inhaltes. Am 
nachdrücklichsten stellt sich diese dar in dem Einfluß, den die kultu- 
rellen Verhältnisse auf die menschliche Seele, auf ihr ganzes Denken, 
Fühlen und Wollen, ihre Weltanschauung, Lebensauffassung und Denk- 
weise ausüben. Im allgemeinen ist dieser Einfluß hinlänglich bekannt. 
Würde ein chinesisches Kind in eine deutsche Wiege gelegt, so würde 
es sich, abgesehen von etwaigen angeborenen Volkseigenschaften, zu 
einem echten Deutschen statt zu einem Chinesen entwickeln. Neu erkannt 
dagegen und noch zu wenig gewürdigt ist die Tiefe dieser Beein- 
flussung. Nur schrittweise und fast widerstrebend hat man sich davon 
überzeugt, daß sie sich bis auf solche elementaren Prozesse erstreckt, die 
man bis dahin für angeboren gehalten hat. 
Wir geben zunächst eine Reihe von Beispielen. Die klassische 
Nationalökonomie betrachtete bekanntlich den sogenannten Erwerbs- 
sinn, den sie bei den kaufmännisch gebildeten Männern ihrer Zeit fand, 
als eine allgemein menschliche Eigenschaft. Tatsächlich wissen wir, daß 
dieser Erwerbssinn ein junges Gebilde ist, und daß er noch heute bei 
den Naturvölkern überall erst durch die Berührung mit der euro- 
päischen Kultur allmählich geweckt wird. So führt die vergleichende 
Sittengeschichte noch heute die durchgängige Bestrafung der Blutschande 
gerne auf einen angeborenen instinktiven Abscheu vor dem Inzest 
zurück. Wenn wir aber hier und dort die Geschwisterehe nicht nur ge- 
duldet, sondern als eine Sitte vorfinden, so muß uns die allgemeine Ver- 
breitung auch dieser Anlage als zweifelhaft erscheinen. Auch an die Ur- 
sprünglichkeit des Schamgefühles in der besonderen Form, in der es sich 
heute bei uns äußert, vermögen wir nicht mehr zu glauben. Wohl wer- 
den die animalischen Funktionen überall sekretiert, aber ihre Organe 
werden bei manchen Naturvölkern mindestens von gewissen Teilgruppen 
harmlos zur Schau gestellt oder durch eine Hülle so wenig verdeckt, daß 
diese wahrscheinlich als bloßer Schutz oder als hinweisender Schmuck zu 
gelten hat. Auch die Eifersucht in unserem Sinn kann bei denjenigen 
Naturvölkern nicht vorhanden sein, bei denen Nebenehen bestehen oder 
die Ehefrauen zeitweilig anderen Männern überlassen werden. Ge-«
	        
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