198 Die sozialen Anlagen des Menschen und das Wesen der Gesellschaft.
lich unberechtigt wird oft ganz allgemein mit dem Gedanken operiert,
der Mensch verlange von Natur schlechtweg nach Ab-
wechslung — etwa in dem Sinne, wie wir es bei der heutigen Mobi-
lität des Geschmacks auf den meisten Lebensgebieten sehen. Zunächst
trifft dieser Sag selbstverständlich nicht zu für alle menschlichen Be-
ziehungen, die Gemeinschaftscharakter besigen, weil der Mensch sich mit
ihren Gegenständen verwachsen fühlt und eine Trennung von ihnen als
eine Beeinträchtigung seines Ich empfindet. (Wer möchte der Abwechs-
lung halber seine Kinder gegen andre vertauschen?) Diese Einschränkung
wird bei der üblichen Formulierung des Satzes wohl nur deswegen über-
sehen, weil der Kreis der Gemeinschaftsverhältnisse bei uns sehr zu-
sammengeschrumpft ist. Tatsächlich sind normale Gegenstände des Ge-
meinschaftsempfindens außer der Familie und andern Gruppen auch
eine Reihe unpersönlicher Gebilde wie die eigene Religion, Sprache und
Sitte. Denkt man an alle diese Gebilde, so könnte man versucht sein,
umgekährt dem Menschen eine allgemeine Tendenz zum „Beharren“ zu-
zuschreiben. Doch würde auch dieser Sag in einer solchen allgemeinen
Fassung ebensoweit über das Ziel hinausschießen. "Tatsächlich muß man
bei der Entscheidung der Frage vielmehr zwischen dem S til des mensch-
lichen Verhaltens und dem besonderen Stoff der menschlichen Tätig-
keit unterscheiden. Hinsichtlich des Stoffes verlangt der Mensch überall
nach Abwechslung außerhalb der Gemeinschaftsbereiche. Hinsichtlich
des Stiles aber verlangt er nach dem Beharren des einmal gegebenen
Stiles überall da, wo die traditionalistische Lebensführung nicht wie bei
ans durch ihr Gegenteil ersegt ist. Nur die Tatsache, daß wir ausnahms-
weise außerhalb des Bereichs der traditionalistischen Kulturen stehen,
hat den ganzen Irrtum von dem unbeschränkten Abwechslungsbedürfnis
des Menschen hervorrufen können, während tatsächlich von dem traditio-
nalistisch gebundenen Menschen jede Aufgabe des einmal gegebenen Sti-
les als eine Beeinträchtigung seiner Persönlichkeit empfunden wird, weil
er mit diesem Stil zusammengewachsen ist. Insbesondere wäre es ein
Irrtum, diejenige Neigung zum raschen Wechseln, die die moderne Mode
zeigt. für den Ausdruck einer allgemeinen Tendenz zu halten.
Weiter ist auch davor zu warnen, im Sinne der bekannten Theorien
der Aufklärung und sonstiger theologischer und populärer Anschau-
ungen denjenigen Grad von Egoismus, den wir um uns herum gewahren,
für allgemein menschlich zu halten. Bei den Naturvölkern finden wir
stattdessen eine gegenseitige Neigung sich zu helfen, abzugeben und zu
teilen, weit verbreitet — ebenfalls als Ausfluß des stark entwickelten Ge-
meinschaftsgeistes. Hätte es in der melanesischen Gesellschaft Denker
gegeben, die sich die Frage nach den grundlegenden Antrieben des
menschlichen Zusammenlebens vorgelegt hätten. so hätten sie niemals