200 Die sozialen Anlagen des Menschen und das Wesen der Gesellschaft.
sich dann je nach den besonderen geschichtlichen Konstellationen aller-
iei Anschauungen und Verhaltungsweisen, die, ohne psychologisches Ver-
ständnis lediglich an dem Maßstab unserer (d. h. der modernen, west-
guropäischen) Vernunft gemessen, uns als recht absurd und wunderlich
erscheinen können, uns jedoch kein Recht geben, ganze Zeitalter oder
ganze Völker für irrsinnig zu erklären.
Allgemein ist endlich selbst die Annahme unhaltbar, es existiere
eine natürliche Weltanschauung, die allen Menschen von Haus aus eigen
sei — ein Begriff, mit dem die Philosophen gerne operieren, wobei frei-
lich durchaus nicht jeder dasselbe darunter versteht!). Denken wir
etwa an den besonderen Fall des cartesischen Dualismus, der heute eben-
falls in weiter Ausdehnung als natürliche Weltanschauung erscheint, mit
seinem doppelten Dualismus erstens zwischen toten Körpern und be-
seelten. Wesen, und zweitens zwischen dem Leib als der äußeren Ge-
stalt des Menschen und der Seele als seinem Inneren. Tatsächlich fehlt
dieser Dualismus in den auf allen tieferen Kulturstufen verbreiteten
biomorphen Weltanschauungen, für die eben das Leben eine allgemeine
Eigenschaft der Dinge ist. Anderseits kann auf primitiven Stufen noch
keine Rede davon sein, daß die Seele als ein Inneres erfaßt und speziell
erst erschlossen wird aus Kundgebungen, die als rein leibliche aufgefaßt
würden; vielmehr erscheint hier-der Mensch als beseelte Einheit®).
Die menschliche Psyche ist also in einem viel höheren Maße ein
historisches Gebilde, als die populäre Meinung annimmt. Das
gilt selbst für so elementare Vorgänge wie denjenigen der Wahrneh-
mung. Wenn wir heute gelbe und blaue Schatten sehen, so verdanken
wir das dem Einflusse der modernen Malerei, die uns zu einer neuen
Art des Sehens im wirklichen Sinne des Wortes erzogen hat. Unsere
Farbenwahrnehmungen sind in der Tat durch ihren Einfluß anders ge-
worden, als es diejenigen unserer Vorfahren waren. Ähnlich betrachtete
man früher unser Tonsystem als einen unmittelbaren Ausfluß der
menschlichen Natur und segte demgemäß als selbstverständlich seine
aniverselle Verbreitung voraus. Tatsächlich hat die phonographische
Untersuchung der Musik der Naturvölker gezeigt, daß diese Annahme
irrig ist: ihre Gesänge bewegen sich zum Teil in anderen Intervallen
als den unseren. — Warum sieht der moderne Mensch keine Gespenster
mehr, wie es der Bauer alten Schlages tut, und wie es bei den Natur-
völkern an der Tagesordnung ist? Die Gespenstererscheinungen beruhen
auf Sinnestäuschungen, also auf Wahrnehmungen, deren Inhalt vor-
1) Max Scheler in dem Sammelwerk „Soziologie des Wissens‘ S. 48. Der-
selbe, Die Wissensformen und die Gesellschaft. S. 59.
2) Vgl. oben $ 14,..