Full text: Gesellschaftslehre

Der historische Charakter des menschlichen Seelenlebens. 201 
wiegend subjektiv, durch die Einflüsse der Erwartung und der Furcht 
bestimmt ist. Die äußere Möglichkeit zu solchen Sinnestäuschungen ist 
überall gegeben, wo wir undeutliche Wahrnehmungen haben, die zu 
einer Ergänzung ihres Inhalts herausfordern. Sie ist also auch bei uns 
noch vorhanden. Aber bei uns vollzieht sich tatsächlich die Ergänzung 
in anderer Richtung. Der Einfluß der herrschenden Denkweise und 
Weltanschauung erstreckt sich also hier wiederum bis in das Bereich der 
Wahrnehmungen hinab. Dasselbe gilt sogar für leibliche oder genauer 
psychophysische Vorgänge. Die Nahrungsmenge, deren der Mensch zur 
Sättigung bedarf, ist nicht konstant, vielmehr schwankt sie je nach den 
subjektiven Verhältnissen wahrscheinlich in ziemlich erheblichen Gren- 
zen. Dasselbe ist für unsere Temperaturverhältnisse anzunehmen, wenn 
wir an die großen tatsächlichen Verschiedenheiten der Klimate und Hei- 
zunzgsmöglichkeiten denken. 
2. Wir sehen also: es gibt keine konstante menschliche Natur in 
dem in Rede stehenden Sinn. Freilich darf man auch nicht annehmen, 
daß sich das menschliche Seelenleben nun in einer Fülle geschichtlicher 
Verschiedenheiten entfaltet, der jede Art von Einheit abgeht. In Wirk- 
lichkeit bewegt sich das menschliche Seelenleben vielmehr auf der Grund- 
lage gewisser konstanter Anlagen, die eine geschichtlich verschiedene 
Entfaltung finden, oder in gewissen konstanten Formen, die mit wech- 
selndem Inhalt erfüllt werden. Beide Seiten des Sachverhalts 
wollen gleichmäßig gewürdigt werden. Die Fülle der Verschieden- 
heit wird uns durch die Erfahrung hinreichend aufgedrängt. Die 
Konstanz gewisser Grundanlagen dagegen muß gegenüber dem Po- 
sitivismus, der nichts als Anpassung und sonstige Milieueinwirkungen 
sieht, nachdrücklich betont werden. So kann sich der Kampf beim Men- 
schen der verschiedensten körperlichen und geistigen Mittel bedienen 
und auf eine entsprechende Fülle verschiedener Ziele gerichtet sein: 
stets ist seine letzte Triebkraft doch ein und derselbe Kampfinstinkt. 
So kann sich das Machtverhältnis in den denkbar verschiedensten For- 
men auswirken, hinter denen doch derselbe Machtwille als konstante 
Grundlage steht. Gewiß ist der Ekel vor bestimmten Gegenständen ein 
geschichtliches Erzeugnis, in diesem Sinne ist der Ekel gewiß keine all- 
gemeine menschliche Eigenschaft: aber deswegen darf man nicht in den 
Irrtum verfallen, als ob der Ekel als seelische Haltung überhaupt, als 
Form des Verhaltens schlechtweg erst zu einer bestimmten Zeit oder 
bei einem bestimmten Volk durch einen Gegenstand, der ihn reizte, 
ins Leben gerufen wäre. Vielmehr ist der Affekt des Ekels als bloße 
formale Anlage ebenso allgemein menschlich, wie jeder besondere In- 
halt geschichtlich bedingt. Daß hinter der unühersehbaren Fülle der
	        
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