Full text: Gesellschaftslehre

Der historische Charakter des menschlichen Seelenlebens. 203 
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allgemein menschlich halten, weder hinsichtlich der Grenzlinien zwischen 
den verschiedenen Gruppen, noch hinsichlich der Tatsache der Unter- 
scheidung überhaupt. 
Frühere Zeiten deduzierten den Ursprung der Kultur bekanntlich 
aus der seelischen Natur des Urmenschen, aus seinen religiösen und 
künstlerischen Anlagen, aus seiner angeborenen Vernunft usw. Die hier 
vorausgesegte konstante Natur gibt es in Wirklichkeit nicht. Der Ur- 
mensch, der erst an der Schwelle der Kultur stand, erhob sich kaum 
über ein hochentwickeltes Tier; und dasselbe würde noch heute von 
dem Menschen gelten, der in völliger Einsamkeit, völlig abgeschieden 
von aller menschlichen Berührung aufwachsen würde. Ein solcher Fall 
ist freilich nirgends zuverlässig festgestellt und beobachtet worden, 
denn der bekannte Fall Kaspar Hauser ist stark verdächtig. Aber eine 
ungefähre Vorstellung vom Zustand des isolierten Einzelnen erweckt in 
uns die seelische Verfassung derjenigen Taubstummen, die ohne Unter- 
richt aufgewachsen sind. Sie stehen bekanntlich geistig wie sittlich weit 
hinter den Vollsinnigen zurück. Der völlig isolierte Mensch erhebt sich 
jedenfalls nicht über die Stufe der Wahrnehmungen und ihrer Repro- 
duktionen und die dieser Stufe entsprechenden rein sinnlichen Gefühle 
und Willensregungen. Alles Denken entwickelt sich erst im Zusammen- 
hang der Sprache, alle Intelligenz- und Phantasietätigkeit, alles Gefühls- 
und Willensleben höherer Ordnung entsteht erst im Zusammenhang der 
menschlichen Gesellschaft. Selbst die dingliche Auffassung der Außen- 
welt würde wahrscheinlich ohne diesen Einfluß der Sprache dem Men- 
schen vorenthalten bleiben. Und ebenso ist das Ichbewußtsein in aus- 
geprägter Form an den Verkehr mit Mitmenschen, nämlich an gewisse 
Abhebungen des Einzelnen von ihnen in seinem Verhalten gebunden. 
Erst recht wird eine objektive Welt im weiteren Sinne nur durch 
Wechselwirkungen geschaffen, insbesondere durch Aussprache und Er- 
örterung, wodurch die Erlebnisse erst in die Sphäre der Betrachtung 
gerückt werden und gegenständlichen Charakter gewinnen: Gefühle 
und Stimmungen werden so erst zu objektiven Gebilden, unklare und 
schwebende Vorstellungen zu festen Urteilen erst dank dem Wechsel- 
verkehr mit unserer Umgebung. Jedes Zeitalter. jede Kultur schafft 
sich so ihre eigene Psyche. 
Anfänge dieser Bildsamkeit finden wir freilich schon bei einigen 
Tierarten. Wir wissen, wie bei manchen Vogelarten der Gesang durch 
die belebte Umgebung, in der das Tier aufwächst, beeinflußt wird, wie 
einzelne Vogelarten geradezu Virtuosen in der stimmlichen Nachahmung 
ihrer Umgebung sind und andere in der Gefangenschaft durch den 
Menschen sich in bestimmter Weise abrichten lassen. Zur völligen Ent- 
faltunz aber kommt diese neue Tendenz erst bei dem Menschen. Das
	        
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