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Einleitung.
„inneren“ Beziehungen zu untersuchen, wie die Machtverteilung und die
Art des Machtverhältnisses, den Grad von Gemeinschaftsgesinnung, die
Stärke und Ausdehnung der Rechtsverhältnisse, das Solidaritätsbewußtsein
und den Gruppengeist usw. ]Beides sind offenbar durchaus verschieden-
artige Gegenstände, die man nur gewaltsam in einer Wissenschaft vereini-
gen kann. Für den Staat besteht überdies in Anfängen bereits eine eigene
vergleichend-systematische Wissenschaft in Gestalt der „Politik“. Hier-
hin gehören auch z. B. Oppenheimers Untersuchungen über den Staat mit
ihrer Lehre von seiner Entstehung durch Gewalt, von der in ihm enthal-
tenen Mischung zweier Völker und Schichten und seiner vortrefflichen
Kennzeichnung des. Machtverhältnisses, wie es zwischen der ÖOber- und
der Unterschicht besteht. Denn Oppenheimer will hier nicht das Wesen
des Machtverhältnisses erforschen, auch keine neue Varietät des legteren
an den Tatsachen des Staates aufzeigen, sondern er will den Staat selbst
erforschen. Ähnlich kann man bereits von einer Geschichte der Familie
sprechen. Wollte man also an dem hier abgelehnten Gedanken festhal-
ten, so würde die Soziologie eine Enzyklopädie der Sozialwissenschaften
bilden. Soweit es sich dabei nur um einen neuen Namen für diese Enzy-
klopädie handelt, wären dagegen natürlich höchstens sprachliche Zweck-
mäßigkeitserwägungen geltend zu machen. Anders, wenn man mit dieser
Enzyklopädie die Lehre von den Formen der Gesellschaft, wie wir sie
vorher angedeutet haben und wie sie den Gegenstand des größten Teiles
dieses Buches bildet, zu einer Wissenschaft verquicken wollte. Damit
wäre die Einheitlichkeit dieser Wissenschaft aufgehoben. Es muß aber
als ein Axiom (oder Postulat) gelten, daß sich in unserm Erkenntnis-
gebiet Teile abgrenzen lassen der Art, daß ein solcher Teil eine innere
Einheit besigt, die in einer Eigengeseglichkeit der geistigen Welt begrün-
det ist und von unserm erkennenden Handeln respektiert werden muß*).
Auch hier ist freilich zwischen Forschung und Darstellung, zwischen Wissenschaft
und Lehre zu unterscheiden. Dem Interesse der Lehre kann es unter Umständen ent-
sprechen, namentlich die allgemeine Theorie der großen organisatorischen Gebilde, wie
Familie, Sippe, Staat usw. in eine Darstellung der Soziologie mit hineinzubeziehen,
wie dies auch das vorliegende Buch getan hat.
Das Gesagte gilt auch für gewisse teils verwandte, teils unmittelbar
unter den Begriff der Organisationsform fallende Erkenntnisgegen-
stände, die bis heute noch keine.anerkannte Stellung im System der Wis-
senschaft besigen, nämlich für Gegenstände wie Kino, Presse, Pazifismus,
Verkehr usw. Man mag diese aus praktischen Gründen in die Darstellung
der Soziologie mit aufnehmen, eben weil sie kein anderweitiges Unter-
kommen finden. Aber man kann eine solche „Resterverarbeitung“
1) Vgl. die Ausführungen von Kurt Lewin über Wissenschaftslehre im Symnposion
L 61 fleg.