Der historische Charakter des menschlichen Seelenlebens. 205
wird die Entwicklung von der Kürze des einzelnen Lebens unabhängig
gemacht. Die Erwerbungen, die gemacht werden, überdauern den Ein-
zelnen, indem ein Gesamtschatgz von geistigen Vorgängen aufgespeichert
wird. der eben den Gehalt der Gesellschaft ausmacht.
Es muß dabei aber beachtet werden, daß der Einzelne seine Entwicklung immer
wieder von vorn beginnen muß. Da die Tradition nicht körperlich investiert ist,
so steht sie eben dem Einzelnen als ein selbständiges Gebilde gegenüber, das erst
von ihm wieder ergriffen werden muß. Somit muß der Einzelne immer wieder auf
der Stufe des menschlichen Tieres beginnen und sich durch den Einfluß der Gesellig-
keit erst zum eigentlichen Menschen entwickeln. Man könnte eine gewisse Schatten-
seite der Tatsache der Plastizität darin finden, daß sie der Gesellschaft die Mühen
und Nöte auferlegt, jedes einzelne Individuum von der Basis der rein animalischen
Existenz jedesmal von neuem wieder zu der Höhe der jeweils von ihr erreichten Kul-
tur zu erheben. Und jedenfalls ist diese Tatsache sehr wichtig und bedeutungsvoll
auch in ökonomischer Hinsicht, sofern die Erziehung der neuen Generation mit steil:
gender Kultur einen immer größeren Aufwand von Arbeit und Mühe verlangt.
So sehen wir hier einen ganz neuen Typus des Lebens sich ent-
falten, der sich von dem Typus des animalischen Lebens scharf unter-
scheidet. Und zwar beruht er auf der Vereinigung der beiden
Tatsachen der Plastizität und der Geselligkeit. Alles
höhere seelische Leben sehen wir in der Tat an die Vereinigung dieser
Eigenschaften gebunden. Neben dem Menschen kommen dabei schon die
geistig am höchsten stehenden Tiere, wie manche Affen- und Papageien-
arten, als Keimform dieses Typus in Betracht.
Die bildsame Veranlagung der menschlichen Natur bedeutet zugleich,
daß sie anregungsfähig ist. Aber auch die andere Seite des
Tatbestandes ist zu betonen: der Mensch ist auch anregungsbe-
dürftig. Der isolierte Mensch bleibt auf der Stufe des Tieres stehen.
Jeder Einzelne wird nur durch die Einwirkung der Gruppe zur Entwick-
lung gebracht. Da keiner hierin vor dem anderen etwas voraus hat,
so liegt die wirksame Kraft zunächst schon in der bloßen Form der
Gruppe, während der Inhalt der Entwicklung freilich durch den be-
sonderen Inhalt des jeweiligen Gruppengeistes bestimmt wird. Viel
weniger plastisch als der Einzelne erscheint die Gruppe: bei ihr über-
wiegt der Zustand des Beharrens in der überlieferten Gesittung im all-
gemeinen in dem Maße, daß die tatsächlichen Wandlungen und Um-
gestaltungen in der menschlichen Gesittung auf den ersten Blick als
damit schwer verträglich erscheinen. Tatsächlich besigt aber auch die
Gruppe als Ganzes die Eigenschaft der Plastizität, nur daß diese bei ihr
nur unter besonderen Umständen zur Geltung kommt. Jedenfalls liegt
also in der menschlichen Natur eine merkwürdige Verbindung von
Gegensägen auf diesem Gebiet, nämlich von Plastizität und Starrheit,
von Wandel und Beharren.