206 Die sozialen Anlagen des Menschen und das Wesen der Gesellschaft.
3. Wir können die vorstehende Betrachtung zusammenfassen in
eine Unterscheidung zwischen dem natürlichen und dem histo-
"rischen Menschen. Der natürliche Mensch ist ein in der Erfahrung
nirgends gegebenes Gebilde, nämlich der Mensch, wie. er sein würde,
wenn er jeglicher Beeinflussung durch seine Mitmenschen von Anfang
an dauernd entzogen geblieben wäre: es ist also der Zustand des völlig
isolierten Menschen damit gemeint. Der historische Mensc h
dagegen ist stets ein Entwicklungsprodukt, und zwar ist er durch zwei
Reihen von Kräften gestaltet: einerseits durch die Kräfte der Gesell-
schaft, anderseits durch eine Reihe angeborner Anlagen in Gestalt der
eben erwähnten natürlichen Ausstattung. Die natürlichen und histo-
rischen Eigenschaften des Einzelnen sind selbstverständlich nicht neben-
einander bestehende Eigenschaften; vielmehr ist der ganze Mensch von
historischen Einflüssen durchdrungen: das Natürliche in ihm ist durch
jas Historische gleichsam völlig überdeckt, aber es macht sich doch im
Sinne der individuellen Differenzen überall bemerklich.
Der Begriff des natürlichen Menschen darf nicht verwechselt werden mit dem-
jenigen des isolierten Mens chen, mit dem der Rationalismus der Aufklärung
;o gerne operierte. Dieser isolierte Mensch war eine reine Konstruktion, die in der
Erfahrung keinerlei Grundlagen hat, mithin (für uns) eine echte Fiktion. Der
natürliche Mensch dagegen muß einmal am Beginn der Entwicklung existiert haben.
Außerdem bildet er den Endpunkt gewisser in der Erfahrung gegebener Reihen;
Jenn wir können uns in großen Zügen die verschiedenen Kulturen so in Reihen ge-
ordnet denken, daß jede folgende dem hypothetischen Ausgangspunkt in der Ent-
wicklung näher steht als die vorhergehenden. Der Begriff des natürlichen Menschen
argibt sich durch ein Verfahren der Abstraktion, das durch die Erfahrung selbst
zefordert wird.
Die Einsicht in die historische Struktur des menschlichen Seelenlebens hat auch
‚roße praktische Bedeutung und zwar für die Würdigung gewisser radi-
<aler Anschauungen und Tendenzen. Diese kommen alle darauf hinaus, den Zusam-
nenhang des geschichtlichen Lebens und die Verflochtenheit des. gesellschaftlichen Le-
bens von Grund aus aufzuheben oder wenigstens nach Möglichkeit einzuschränken
zugunsten einer möglichsten Freiheit des Ich im romantischen Sinne. Hierhin gehören
alle Anschauungen im Sinne Rousseaus, daß die menschliche Natur durch die bestehen-
den gesellschaftlichen Einrichtungen verdorben, nur der Befreiung von ihnen bedürfe,
am in voller Reinheit zu erstrahlen. Ebenso gehören hierhier alle Arten anarchisti-
scher Anschauungen und Tendenzen; nicht nur der politische Anarchismus, der die
zroße Organisation des Staates zertrümmern will zugunsten weitgehender Autonomie
kleiner Gruppen; sondern auch der pädagogische Anarchismus, der den Zusammenhang
der Jugend mit der vorhergehenden Generation und den geltenden Traditionen und
bestehenden Lebensformen möglichst einschränken will, wiederum um die ursprüng-
‘iche Reinheit der jugendlichen Natur möglichst vollkommen entfalten zu können;
oder endlich auch der erotische Radikalismus, der in der Institution der Ehe nur ein
Mittel erblickt, das erotische Leben zu hemmen und an einer edlen Entfaltung zu ver-
hindern. Allen diesen Anschauungen gemeinsam ist die Voraussegung einer ursprüng-
lichen Reinheit und edlen Beschaffenheit der menschlichen Natur und die weitere