224 Die Abstufaung der Gesellschaft (Gemeinschaft und „Gesellschaft“).
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Hilfe gewähren, so wird man auch einen „Korpsgeist‘“ in Keimform bei
'hnen annehmen müssen. Darf man bei ihnen ein Ichbewußitsein in einer
Keimform vermutungsweise voraussegen, so darf man weiter annehmen,
Jaß auch in der gleichen Form die charakteristische Ausweitung des Ich
ınd das Wirbewußtsein bei ihnen bereits vorhanden sind. Alles in allem
darf man also sagen, es besteht bei den geselligen Tieren ein Verhalten,
das nicht nur die objektiven Eigenschaften der Gemeinschaftshaltung
zeigt, sondern wahrscheinlich eine Gemeinschaftshaltung im vollen Sinne
vedeutet, bei der jedoch deren seelische Eigentümlichkeiten nur keim-
haft auftreten.
Bei den bisherigen Betrachtungen haben wir stillschweigend vorausgeseßt, daß
Jer Mensch nur mit dem Menschen vergemeinschaftet ist. Tatsächlich sind wir dabei
jedoch auf den Fall getroffen, daß der Mensch mit einer Gruppe vergemeinschaftet ist,
;hne diese Beziehung zu ihren Mitgliedern als Personen zu besigen. Ebenso haben wir
Jie Form der unpersönlichen Gemeinschaft gestreift. Diese verschiedenen Typen sollen
im folgenden auseinandergelegt und jeder für sich betrachtet werden.
Hier sei nur noch ein Wort über die Frage hinzugefügt, ob die vorstehenden
Betrachtungen wirklich für alle Typen gelten. Soweit es sich dabei um die Ichverbun-
lenheit und den Dauercharakter handelt, ist diese Frage zu bejahen. Dagegen gilt
ınsere Unterscheidung zwischen persönlichen und gemeinschaftlichen Angelegenheiten
‘wenigstens in der ausgesprochenen Form) nur für diejenigen Typen, bei denen der
Mensch mit dem Menschen vergemeinschaftet ist, also für den an erster und dritter
Stelle im folgenden Paragraphen behandelten Typus.
Literatur. Grundlegend: Tönnies, Gemeinschaft und Gesellschaft, 1. Auflage
1887, 6. und 7. Auflage 1926. Tönnies erläutert das Wesen der Gemeinschaft an ein-
Irucksvollen Beispielen und rückt es uns in systematischer Hinsicht vor allem durch
‚ine einfühlende Betrachtungsweise nahe. Die Kennzeichnung des Gemeinschaftsver-
‚ältnisses durch die Ausdehnung des Ichbewußtseins findet sich bei Mc Dougall,
The Group Mind (Kap. 4) und bei Gerda Walther, Zur Ontologie der sozialen
Gemeinschaften (Husserls Jahrbuch für Philosophie, Band 6). — Die Vermengung von
Wesensgemeinschaft (d. h. Gemeinschaft in dem hier gemeinten Sinne) und Erlebnis-
zemeinschaft (vgl. oben S. 212) hat der japanische Soziologe Takata aufgedeckt im
Journal of the Faculty of Lawes and Letters, Fukuoka, Japan 1926 B. I 5. 21 fig. und
Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft Band 83, S. 291 fig. Die Verschieden-
2eit beider betont auch Theodor Geiger, Die Masse und ihre Aktion, Stuttgart
1926, der auch auf den „intentionalen Charakter“ der Gemeinschaft (ihre Beschrän-
kung auf bestimmte Gegenstände) hinweist. — Die in japanischer Sprache erschienene
Zesamtdarstellung desselben Soziologen Takata („Untersuchung der Gesellschafts-
verhältnisse‘“, erschienen 1927) ist mir leider unerschlossen geblieben. — Im Gegen-
satz zu dem hier (und von fast allen Autoren) befolgten Sprachgebrauch versteht Litt
in seinem mehrfach angeführten Buch „Individuum und Gemeinschaft“ (3. Auflg. Leip-
zig 1926) unter dem Wort Gemeinschaft die „Erlebnisgemeinschaft“, d. h. die für
das soziale Verhältnis überhaupt charakteristische Verbundenheit ($ 14). Der sel-
tene Gebrauch, den Litt von dem einschlägigen Wort macht, scheint mir ein lehrreicher
Hinweis darauf zu sein, wie wenig die Gewinnung auch grundlegender Erkenntnisse
von einer entwickelten Nomenklatur mindestens in den Geisteswissenschaften ab-
hängig ist.