Full text : Gesellschaftslehre

Gemeinschaftsnahe und gemeinschaftsferne Verhältnisse. 235

ursprünglichen, normalen Zustand dar. Sie bedeutet kein
zufälliges Zusammentreffen von zwei Vorgängen, die ebensogut jeder
getrennt vom anderen auftreten können. Es handelt sich hier vielmehr
in ähnlicher Weise, wie wir es schon öfter festgestellt haben, um eine ursprüngliche
 Einheit, an der nur zwei verschiedene Seiten unterschieden
werden können. Die Loslösung der einen von der andern, das Zurücktreten
 der persönlichen Berührung, sodaß nur noch ein gemeinsam verstandener
 Sinn beide Teile verbindet, ist auch hier etwas Sekundäres.
 Freilich ist dieser sekundäre Zustand in unserer modernen Kultur
 zur überwiegenden Regel geworden. In diesem Fall wird die Mitteilung
 gegeben und empfangen unter Ausschluß jedes engeren seelischen
 Kontaktes, ähnlich wie wenn die Beteiligten lediglich mit einer
Sache statt mit einer Person befaßt wären. Wo in dieser Weise die
Mitteilung mit der vollen Qualität der Kälte ausgestattet ist, da sprechen
wir von einem sachlichen statt von einem persönlichen Charakter
 der Beziehung. Im modernen Geschäfts-, Berufs- und öffentlichen
Leben dominiert dieser Typus bekanntlich durchaus.
Umgekehrt kann auch der sachliche Gehalt vollständig fehlen und
die Mitteilung dennoch eine Bedeutung besigen. Diese ist dann in ihrer
annähernden, brückenschlagenden Wirkung zu suchen. Es kann in der
Tat der bloße Akt der sprachlichen Berührung seinen eminenten Wert
in sich besigen unabhängig vom Vorhandensein oder Fehlen eines sachlichen
 Sinnes. Wie unendlich viele Worte dieser Art werden täglich gesprochen,
 die nur der Rationalist für wertlos hält. Besonders lehrreich
für die verknüpfende Kraft der Wechselrede ist ein besonderer Typus
derselben, den man als Verbindungsgespräch bezeichnen
könnte. In manchen Fällen wird ein Gespräch angeknüpft recht eigentlich
 aus dem Bedürfnis heraus, die Isoliertheit aufzuheben bei Menschen,
die durch äußere Einflüsse zusammengebracht sind und sich zunächst völlig
 fremd gegenüberstehen; so etwa bei gemeinschaftlicher Eisenbahnfahrt,
 beim Mahl an einem Tisch, bei der Begegnung zweier Wanderer
in der Einsamkeit usw. Hier kann es jeder an sich erleben, wie jedes gewechselte
 Wort, mag sein Inhalt auch noch so gleichgültig sein, eine innere
Verwandlung bedeutet, nämlich den Zustand der Fremdheit mit einem
Schlage durch denjenigen einer Verbundenheit ersegt. Ähnlich liegt die
Sache da, wo jemandem eine Gefälligkeit, ein Geschenk in Gestalt eines
Trinkgeldes oder dergleichen erwiesen ist, und er das Bedürfnis hat, den
Dank dafür durch einige Worte zum Ausdruck zu bringen, die, unter dem
Gesichtspunkt der reinen Zwecktätigkeit betrachtet, als überflüssig erscheinen,
 etwa durch die Versicherung, der Auftrag würde nicht vergessen
 werden, durch eine Wiederholung schon gesagter Worte usw.
            
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