Full text: Gesellschaftslehre

Die Gesellschaft im Sinne von Tönnies. 263 
die Willkür der Machthaber, haben wir gesehen, zerbricht an ihm im ein- 
zelnen Fall, wo einmal ein Machtverhältnis seine Regelung in Gestalt 
eines bestimmten Rechts gefunden hat. Für den Menschen, der sich selbst 
als Handelnder dem Recht unterwirft, liegt der Hauptgehalt in der damit 
verknüpften Funktionslust, von derıim allgemeinen eben schon die Rede 
war. Freilich ist Lust ein unpassender Ausdruck für den strengen Cha- 
rakter der imperativen Motive, die sich gerade mit dem Unterordnungs- 
trieb verbinden. 
Wir kommen jegt zum Kampfverhältnis und fassen dabei in 
erster Linie zwei Typen in idealisierter Reinheit ins Auge, in denen der 
Gehalt dieses Verhältnisses am höchsten entwickelt ist, nämlich den rit- 
terlich-nationalen Krieg, der lediglich um der. Ehre der Nation willen und 
zur bloßen Abwehr oder auch als Selbstzweck, aber jedenfalls ohne Beute- 
absichten geführt wird, und den ritterlichen Kampf des Mittelalters mit 
seiner strengen Regelung. Der Gehalt des Verhältnisses beruht hier 
zunächst in subjektiver Hinsicht auf der Höhe der Leistung, zu der hier 
wie anderwärts das Verhältnis nötigt, auf der damit verbundenen An- 
spannung und Entfaltung aller Kräfte. Objektiv ist ferner jeder edle 
Kampf gehaltvoll durch seinen Gegenstand; so jeder Kampf um die 
Wahrheit, die Ehre, den nationalen Wert usw. Das Leben bekommt da- 
durch einen großen Inhalt: an Stelle eines bloßen Daseins wird es zu einer 
Auseinandersegung mit der Welt, zu einem Zustand des Leistens und 
Schaffens. Auch der Reiz der Ungewißheit, der das Leben in einem ge- 
wissen Sinne zu einem Abenteuer macht, verdient Erwähnung. Vor 
allem aber die Erweiterung, die das Ich erfährt durch sein Aufgehen in 
dem größeren Ganzen, das den Kampf führt, oder um dessenwillen er ge- 
führt wird. Im Kriege wird die Solidarität am lebhaftesten empfunden, 
überhaupt aber der Wert des Staates und der Nation; sowie jede Be- 
drohung den Wert des bedrohten Gutes besonders fühlen läßt. Ebenso 
fühlt der kämpfende Ritter den Geist des ganzen Rittertums in sich, 
dessen Idee er in seinem Tun verkörpert. Endlich vielleicht das Höchste: 
der Tod verliert in diesem Zusammenhang seinen sonstigen Charakter 
der Negativität und Vernichtung und wird zur höchsten Lebensbejahung. 
Der kämpfende Soldat, der im legten Augenblick ganz aufgeht in der Ge- 
samtheit seiner Gruppe, fühlt seinen eigenen Tod kaum vor der Un- 
endlichkeit des Kollektivlebens, das in seiner Gruppe weiterflutet, und 
das er gerade durch seinen Tod bejaht. Selbst beim Unterliegen seines 
Volkes wird er durch das Bewußtsein erhoben, für eine Idee, für die Ehre 
seines Volkes zu sterben. Ähnlich beim ritterlichen Kampf: der Unter- 
liegende verliert nicht seine Ehre, sondern sieht sie auf den Sieger über- 
gehen, dessen Ruhm gerade durch die Größe seines unterliegenden Geg- 
ners bestimmt wird. Mein Gegner ist, wie Shakespeare es einmal aus-
	        
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