Full text: Gesellschaftslehre

266 Die Abstufung der Gesellschaft (Gemeinschaft und „Gesellschaft“). 
8. Von den Eigenwerten wenden wir uns jegßt zu den Wirkungen 
der einzelnen Grundverhältnisse, d. h. zu den fördernden Einwirkungen, 
lie sie auf das gesamte Gedeihen der Gruppe ausüben. Die Bedeutung 
Jes Gemeinschaftsverhältnisses liegt klar zutage: ein Ver- 
hältnis wechselseitiger Förderung bedeutet eine Wechselsteigerung für 
alle einzelnen von ihm umfaßten Personen; und das Gemeinschaftsver- 
hältnis ermöglicht überhaupt erst die Existenz der Gruppe mit ihrem 
Eigenleben ($ 27,,) und allen darin enthaltenen Werten. 
Die Bedeutung der Kampf- und Machtverhältnisse 
entspringt dem dynamischen Charakter des Lebens. Seine großen Lei- 
stungen erfordern ein hohes Maß von Spannung und Anspannung; und 
dieses ergibt sich leichter aus der Abgleichung entgegengesegßter Kräfte 
als aus einem in sich ruhenden Dasein. Dem Kampf insbesondere ist 
diese anregende und stählende Wirkung von je nachgerühmt worden. Hier 
ist viel eher vor einer Überschägung zu warnen. Eine populäre Meinung 
neigt bekanntlich zu einer blinden Verherrlichung des Kampfes. Sie 
sieht am Gemeinschaftsleben vor allem seine Schattenseite, nämlich den 
Mangel an persönlicher Verantwortlichkeit. Eine Ausnahme macht ihr 
nur das Familienleben, dessen Gemeinschaft die populäre Meinung eine 
Art mystischer Verehrung widmet, ohne den Rückgang seiner Funktio- 
nen in der Gegenwart zu würdigen. Die verbreiteten Anschauungen von 
der unbeschränkten Förderungskraft des Kampfes sind offenbar eben- 
sosehr von unseren besonderen Zeitverhältnissen wie von den Lehren 
eines Malthus, Adam Smith, Darwin und des älteren wirtschaftlichen 
Liberalismus beeinflußt. Die übliche Art ihrer Begründung zeugt von 
einem naiven Dogmatismus: man übersieht die Schattenseiten und un- 
zünstigen Wirkungen des Kampfes ebenso wie die günstigen Wirkungen 
der Solidarität. 
Literatur speziell für den Krieg: S. R. Steinmetz, Philosophie des Krie- 
zes, Leipzig 1907 (eine besonnene Abwägung der fördernden und schädigenden Wir- 
kungen des Krieges). — Kropotkin, Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Men- 
schenwelt. Autorisierte Ausgabe Leipzig 1908 (behandelt in dankenswerter Weise 
die vom populären Denken völlig vernachlässigte weite Verbreitung der gegenseitigen 
Förderung in der Gemeinschaft, ohne diese freilich gegen andere Verhaltungsweisen 
abzugrenzen). — Max Scheler, Der Genius des Krieges (idealistisch fundierte 
Apologie des Krieges). Leipzig 1915. 
Auch dem Machtverhältnis ist diese anspannende Wirkung 
nachzurühmen; denn auf die Dauer erhält es sich nicht ohne ent- 
sprechende Leistungen. Einen weiteren Sinn dieses Verhältnisses muß 
man darin erblicken, daß es vorhandene Ungleichheiten zur Geltung zu 
bringen vermag durch seinen Gegensag von Herrschenden und Gehor- 
chenden. Man denke an die Staatenbildung durch Eroberung, an den
	        
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